InLeap Photonics und TRUMPF zeigen, was deutsche technologische Tiefe leisten kann. Aus dem präzisen Effektor muss nun ein verteiltes Sicherungssystem werden.
Auf einer Waldlichtung in Niedersachsen wartet ein kleiner Quadrokopter auf sein Ende. Die Filmaufnahmen dürfen den Ort nicht erkennen lassen. Das hannoversche Unternehmen InLeap Photonics fürchtet Spionage. Hinter den geschlossenen Türen der Einsatzzentrale richtet sich eine Optik auf das rund 200 Gramm schwere Fluggerät. Ein Mensch erteilt den Feuerbefehl. Keine zwei Sekunden später liegt der Quadrokopter am Boden.
Der Treffer hinterlässt keinen Krater. Die Kunststoffverkleidung eines Arms ist aufgerissen, eine Stromleitung verschmort, ein Propeller ausgefallen. Der unsichtbare Strahl hat jene Stelle bearbeitet, an der wenig Energie genügt, um dem Fluggerät seine Stabilität zu nehmen. Der Versuch wirkt unspektakulär. Gerade darin liegt seine politische Sprengkraft.
Vom Werkstück zum Flugziel
InLeap Photonics begann mit einer Technik, die industrielle Laserprozesse beschleunigen sollte. Die digitale Strahllenkung kommt ohne bewegliche Spiegel aus und soll nach Angaben des Unternehmens bis zu 2500-mal schneller arbeiten als konventionelle Systeme. 2025 entstand daraus die Idee, die Präzision auf unbemannte Fluggeräte zu übertragen. Aus Fertigungstechnik wurde ein Abwehrmittel.
Das System erkennt mit Kameras und softwaregestützter Bildauswertung den Typ des Flugobjekts, verfolgt seine Bewegung und sucht eine verwundbare Stelle. Der Strahl greift dort an, wo Leitungen, Motoraufhängung oder Steuerung mit geringem Energieeinsatz beschädigt werden können. Die Funkverbindung spielt für die Wirkung keine Rolle. Eine autonom fliegende Drohne lässt sich womöglich weder stören noch übernehmen; ihr Material bleibt physikalisch erreichbar.
InLeap nennt eine Reichweite von bis zu drei Kilometern, Kosten von weniger als einem Euro je Einsatz und eine theoretische Leistung von bis zu 300 Zielen pro Minute. Das Unternehmen spricht von einer Abwehr innerhalb von Sekundenbruchteilen und von einem für sensible Umgebungen geeigneten Betrieb. Diese Werte sind Herstellerangaben. Die öffentlich gezeigte Zerstörung eines leichten Quadrokopters unter vorbereiteten Bedingungen belegt einen funktionierenden Effekt. Sie belegt noch keinen Schutz gegen 300 gleichzeitig anfliegende Geräte unter Regen, Nebel, Rauch, Seitenwind, wechselnden Entfernungen und aus mehreren Richtungen.
Zwischen einem gelungenen Versuch und einer belastbaren Schutzleistung liegen Zielvielfalt, Kühlung, Energieversorgung, Verschmutzung der Optik, Tarnung, Köder, reflektierende Oberflächen und die Frage, wohin ein getroffenes Fluggerät fällt. Ein intakter Absturz über einer Waldlichtung unterscheidet sich von einer mit Sprengstoff beladenen Konstruktion über einem Tanklager. Diese Einwände entwerten die Technologie keineswegs. Sie beschreiben das Erprobungsprogramm, das aus einem Demonstrator ein Einsatzmittel macht.
InLeap durchläuft genau diese Phase. Seit April 2026 testet das Unternehmen sein System sechs Monate lang gemeinsam mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr auf militärischen Übungsplätzen. Zugleich leitet es im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung eine Studie zu den technischen, organisatorischen und rechtlichen Voraussetzungen des Lasereinsatzes auf Bundeswehrliegenschaften. Untersucht werden auch mögliche Gefahren für Menschen und Umwelt durch konzentrierte Strahlung. Damit beginnt die Industrialisierung bereits bei der Sicherheitsarchitektur, nicht erst bei der Hardware. InLeap Photonics, Projektstudie des Verteidigungsministeriums
Simons Tiefenlehre
Hermann Simon hat für eine solche Entwicklung einen passenden Begriff geprägt: Deep Technology, technologische Tiefe. Deutschland scheitert häufig in jenen Massenmärkten, deren Produkte jeder kennt. Seine Fähigkeiten liegen tiefer in industriellen Prozessen, hoch spezialisierten Komponenten und über Jahrzehnte aufgebautem Erfahrungswissen. Apple arbeitet nach Simons Recherchen mit 767 deutschen Zulieferern. Kaum einer erreicht die Bekanntheit des iPhone. Viele ermöglichen erst seine Produktion.
TRUMPF gehört in diese Welt. Der Laserhersteller liefert eine Schlüsselkomponente für die extrem ultraviolette Lithografie des niederländischen Anlagenbauers ASML. Dabei werden Zinntropfen mit hoher Frequenz getroffen, damit jenes Licht entsteht, das immer feinere Strukturen auf Halbleiter zeichnet. Hermann Simon nennt dies Tiefe in der Wertschöpfung, in der technischen Komplexität und in der Zeit. Solches Wissen lässt sich weder per Förderbescheid bestellen noch binnen eines Haushaltsjahres nachbauen. Hermann Simon über Deep Tech
Im Oktober 2025 kündigten TRUMPF und Rohde & Schwarz ihre Zusammenarbeit bei der Drohnenabwehr an. Rohde & Schwarz bringt Radar, elektromagnetische Aufklärung und Systemintegration ein, TRUMPF Hochenergielaser, Optik, Strahlformung und Steuerungselektronik. Der Verbund soll Ziele erkennen, verfolgen und neutralisieren. Damit entsteht kein einzelnes Gerät, vielmehr eine Wirkungskette aus Wahrnehmung, Einordnung, Entscheidung und Eingriff. TRUMPF und Rohde & Schwarz
Im Gespräch mit Sven Astheimer und Benjamin Wagener beschreibt TRUMPF-Vorstand Hagen Zimer die Aufgabe als Versuch, ein menschliches Haar aus etwa 50 Metern Entfernung zu verfolgen und zu treffen. Sein einprägsamer Ausdruck lautet „Materialbearbeitung in der Ferne“. Die industrielle Herkunft ist damit präzise benannt. Der Unterschied zum Werkstück liegt in Bewegung, Wetter, Entfernung und einem Gegner, der die Reaktion beobachtet und sein Gerät verändert. FAZ-Interview mit Hagen Zimer
Zimer bescheinigt Start-ups, sie hätten die „Schneeräumarbeit“ geleistet. Die Metapher verengt ihren Beitrag. InLeap erzeugt kein bloßes Problembewusstsein. Das Unternehmen führt Bundeswehrtests durch, bearbeitet die rechtlichen Einsatzbedingungen und integriert seinen Effektor gemeinsam mit STARK und Hentschel System in eine unbemannte Bodenplattform. Start-ups verkürzen Entwicklungszyklen und erproben neue Kombinationen. Ein Industrieunternehmen wie TRUMPF kann Produktion, Lieferketten, Qualitätssicherung und jahrzehntelange Prozesskenntnis hinzufügen. Beide Fähigkeiten ergänzen sich.
Auch TRUMPFs Anspruch, als einziger großer europäischer Hersteller eine solche Lösung dauerhaft liefern zu können, gehört zunächst zur unternehmerischen Positionierung. Rheinmetall und MBDA haben auf der Fregatte „Sachsen“ bereits mehr als 100 Laserversuche und zahlreiche Verfolgungstests durchgeführt. Ein einsatzfähiges Marinesystem wird für 2029 in Aussicht gestellt. Deutschlands industrielle Ausgangslage ist breiter, als ein einzelner Unternehmensanspruch vermuten lässt.
Der Leipziger Alarm
In der Nacht zum 5. August 2026 wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine Drohne mit einer verdächtigen Vorrichtung nahe der Südbahn gefunden. Sie lag in der Nähe einer Maschine der ukrainischen Antonov Airlines. Röntgenaufnahmen sollen einen defekten Zünder gezeigt haben. Während der Sperrung kollidierte ein DHL-Frachtflugzeug nach dem Start mit einem bislang unbekannten Objekt und landete mit leichten Schäden in Hannover. Ob die Vorfälle zusammenhängen und ob die ukrainische Maschine das Ziel war, ist nach bisherigem Ermittlungsstand offen. Genau diese Ungewissheit gehört zur Lage: Ein verdächtiges Objekt ist vorhanden, seine Absicht bleibt unbekannt, die Reaktionszeit läuft bereits.
Der Zwischenfall steht in einer wachsenden Reihe. Das Bundeskriminalamt erfasste 2025 mehr als 1000 verdächtige Drohnenflüge. Besonders betroffen waren militärische Einrichtungen, Flughäfen, Hafenanlagen und Rüstungsunternehmen. Die Urheber lassen sich häufig nicht ermitteln. Beobachtung, technische Störung, Spionagevorbereitung und Sabotage bleiben deshalb lange nebeneinander denkbar.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt identifizierte für 2025 zudem 116 relevante Störfälle an 25 Verkehrsflughäfen. Der betriebswirtschaftliche Mindestschaden wird auf 60 Millionen Euro geschätzt, unter Einbeziehung weiterer Netzwirkungen auf bis zu 160 Millionen Euro. Schon ein billiges Fluggerät kann damit Kosten auslösen, die seinen Anschaffungspreis um ein Vielfaches übersteigen. Diese ökonomische Asymmetrie setzt sich militärisch fort: Eine Drohne für wenige Tausend Euro mit einem Lenkflugkörper abzuwehren, dessen Preis sechs- oder siebenstellig ist, lässt sich gegen einen Schwarm kaum durchhalten.
Laser verändern diese Rechnung. Ihre Reichweite, Sichtlinie und Wetterabhängigkeit setzen Grenzen; ihr Munitionsvorrat hängt im Wesentlichen an Strom, Kühlung und technischer Verfügbarkeit. Sie bilden daher eine Ergänzung in einer gestaffelten Verteidigung. Radar, Funkaufklärung, Optik und Akustik entdecken und klassifizieren das Ziel. Elektronische Mittel stören seine Verbindung. Abfangdrohnen oder Netze eignen sich für bestimmte Lagen. Kanonen und Lenkflugkörper bleiben für größere, wetterbedingt schwer erreichbare oder besonders gefährliche Objekte erforderlich. Der Laser schließt den Bereich, in dem Präzision, niedrige Einsatzkosten und eine hohe Schussfolge zählen.
Ein Zentrum verkürzt keinen Anfahrtsweg
Die Tiefeninterviews der AFCEA-Studie zum gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystem legen den deutschen Engpass offen. Eine Drohne über einem Umspannwerk bleibt häufig nur wenige Minuten. Der Betreiber sieht sie zuerst, darf jedoch kaum eingreifen. Spezialisierte Kräfte befinden sich oft weit entfernt. Bei ihrem Eintreffen ist das Fluggerät verschwunden, über einer anderen Anlage oder bereits jenseits der Landesgrenze.
Christian Hummert, Paul Höller und Bernd Calaminus beschreiben damit ein Defizit aus Entfernung, Befugnis und Haftung. Ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum kann Meldungen bündeln und Lagen vergleichen. Das Ende 2025 eröffnete Zentrum von Bund und Ländern verbessert den Informationsaustausch. Es ersetzt keine regional verfügbare Sensorik, keinen ausgebildeten Bediener und keinen Effektor am gefährdeten Objekt.
Der operative Verbund muss deshalb näher an Flughäfen, Energieanlagen, Häfen, Bahnstrecken, Rechenzentren und militärische Standorte rücken. Ein regionaler Abwehrdienst könnte Geräte, Personal, Energieversorgung und Wartung für mehrere schutzwürdige Einrichtungen bereithalten. Betreiber liefern die erste Beobachtung und verfolgen das Objekt. Eine gesetzlich befugte Stelle bewertet die Gefahr und gibt den Eingriff frei. Alle Sensordaten, Entscheidungen und Wirkungen werden beweissicher dokumentiert. So entsteht aus „Drohnenabwehr als Dienstleistung“ eine dauerhafte Fähigkeit statt einer selten angeforderten Spezialtruppe. Lösungen werden beim Bonner IT-Dialog am 7. und 8. Oktober vorgestellt. Man kann sich noch anmelden.

Beschaffung unter Zeitdruck
Eine tragfähige deutsche Lösung dürfte weder aus einem nationalen Großprojekt mit jahrzehntelanger Entwicklungszeit noch aus einem unverbundenen Bestand einzelner Geräte entstehen. Erforderlich sind offene Schnittstellen zwischen Sensoren, Führungssoftware und Effektoren. Ein Flughafen muss einen neuen Detektor einbinden können, ohne seine gesamte Architektur auszutauschen. Eine Bundeswehrliegenschaft muss Erkenntnisse aus einem Überflug mit benachbarten zivilen Betreibern teilen dürfen. Polizei und Streitkräfte benötigen vorab festgelegte Übergaben für jene Fälle, in denen sich aus einer Störung eine militärisch relevante Bedrohung entwickelt.
Der Bund könnte dafür reale Schutzräume als Erprobungsorte festlegen: einen Verkehrsflughafen, einen Seehafen, ein Umspannwerk, einen Rüstungsbetrieb und mehrere militärische Standorte. Dort müssten verschiedene Anbieter unter identischen Bedingungen zeigen, wie ihre Systeme bei schlechtem Wetter, autonomen Fluggeräten, Ködern, mehreren Anflugrichtungen und simulierten Cyberstörungen reagieren. Beschafft würde die nachgewiesene Leistung über einen definierten Zeitraum, einschließlich Bedienung, Wartung, Energie, Übungen und technischer Anpassung.
Das entspräche Hermann Simons Lehre von den industriellen Ökosystemen. InLeap verbindet sich mit STARK, Hentschel System und dem Cyber Innovation Hub. TRUMPF arbeitet mit Rohde & Schwarz. Rheinmetall entwickelt gemeinsam mit MBDA. Die entscheidende industriepolitische Aufgabe liegt darin, aus spezialisierten Fähigkeiten ein erprobtes Gesamtsystem zu formen, ohne die Anbieter in einem frühen Monopol einzuschließen.
Zimers Zuversicht, TRUMPF werde binnen zwei Jahren ein einsatzfähiges System vorlegen, ist plausibel. Die offene Frage richtet sich an den Staat. Kann er in diesem Zeitraum Schutzobjekte priorisieren, Einsatzregeln festlegen, Schnittstellen standardisieren, Personal ausbilden und regionale Kräfte aufbauen? Der Strahl benötigt für seine Wirkung zwei Sekunden. Deutschland darf die verlorene Zeit zwischen Erkennung, Entscheidung und Einsatz nicht länger als unveränderliche Verwaltungskonstante behandeln.
