Die teure Wolke von Neckarsulm

von Team Redaktion
27. August 2026

Schwarz Digits will Europas Hyperscaler werden. Die Recherche des „manager magazins“ und Hermann Simons Diagnose zeigen, weshalb der Kontinent seine digitale Zukunft auf einem anderen Spielfeld suchen sollte.

Europas Handlungshoheit wächst auf einem Gurkenfeld

Auf den letzten Gurkenfeldern vor Lübbenau soll Europas digitale Unabhängigkeit Gestalt annehmen. Elf Milliarden Euro will die Schwarz Gruppe nach Recherchen des „manager magazins“ in ein Rechenzentrum mit 200 Megawatt Anschlussleistung investieren. Zwanzig Fußballfelder Fläche, erster Bauabschnitt Ende 2027, möglicherweise eine der von Brüssel geförderten KI-Gigafactories: In der brandenburgischen Erde steckt ein politisches Versprechen von kontinentalem Format.

Martin Mehringer und Caspar Schlenk beschreiben in der September-Ausgabe des „manager magazins“ eine Mission, die vom Lebensmittelhandel bis zur Weltpolitik reicht. Die Erbsendose von Lidl finanziert ein „Betriebssystem der Freiheit“. Gerd Chrzanowski formuliert das Ziel noch größer: „Wir verleihen Europa seine Handlungshoheit.“ Rund eine Milliarde Euro soll der neue Digitalcampus in Bad Friedrichshall gekostet haben, weitere drei bis vier Milliarden fließen in den Heilbronner Innovationspark IPAI. Eigene Cloud, Cybersicherheit, KI, Kommunikationssoftware, ein europäisches Gegenstück zu Palantir und sogar eine Antwort auf Starlink gehörten zeitweise zum Horizont. (Martin Mehringer/Caspar Schlenk, „Schwarze Wolken“, „manager magazin“ 9/2026, S. 36–39.)

Man sollte dieses Vorhaben weder belächeln noch allein an seinen architektonischen Gesten messen. Schwarz hat etwas, das vielen europäischen Digitalprojekten fehlte: einen zahlenden Großkunden im eigenen Haus, 604.000 Beschäftigte, 14.500 Filialen, gewaltige Datenströme und einen Eigentümer mit langem Atem. Der Konzern meldete für 2025 einen Umsatz von 185,6 Milliarden Euro; Schwarz Digits kam einschließlich interner Leistungen auf 2,2 Milliarden Euro. Für das laufende Geschäftsjahr plant die Gruppe Investitionen von mehr als zehn Milliarden Euro über alle Sparten hinweg. Diese Ausgangslage verschafft Stackit einen realen Markt, bevor der erste externe Kunde unterschreibt. Die veröffentlichten Konzernzahlen bestätigen diese Größenordnung. Das Problem beginnt bei der Verwechslung eines belastbaren Ausgangspunkts mit einem globalen Sprungbrett.

Zwölf Stunden AWS

Die entscheidenden Zahlen der Magazinrecherche stehen auf Seite 39. Stackit soll im Geschäftsjahr 2025/26 lediglich 46,5 Millionen Euro umgesetzt haben. Für das laufende Jahr seien 177,3 Millionen Euro geplant. Diese Summe erwirtschafte AWS „in rund zwölf Stunden“. Nach den jüngsten Amazon-Zahlen fällt der Abstand noch größer aus: AWS setzte im zweiten Quartal 2026 42,2 Milliarden Dollar um und erreichte damit einen hochgerechneten Jahresumsatz von 169 Milliarden Dollar. Die Stackit-Jahresplanung entspricht bei diesem Tempo grob neun bis zehn Stunden AWS-Umsatz. Amazon veröffentlichte die Quartalszahlen am 30. Juli 2026.

Der Größenunterschied betrifft weit mehr als Geld. AWS, Microsoft und Google besitzen weltweite Rechenzentrumsnetze, eigene Chips, Entwicklergemeinschaften, Marktplätze, Zertifizierungen, Vertriebsarme und Milliarden von Nutzern. Jede weitere Anwendung erhöht den Nutzen ihres Ökosystems. Jeder zusätzliche Entwickler senkt die Hürde für den nächsten Kunden. Kapital kauft in diesem Geschäft Rechenleistung, Talente, Energieverträge und Zeit. Marktgröße erzeugt einen Vorsprung, der sich selbst vermehrt.

Schwarz investiert für deutsche Verhältnisse außerordentliche Beträge. Amazon erhöhte seine Investitionsplanung für 2026 inzwischen auf rund 220 Milliarden Dollar. Alphabet plant 175 bis 185 Milliarden Dollar. Schon 2025 gab Alphabet 91,4 Milliarden Dollar für Sachinvestitionen aus; der Nettogewinn lag bei 132,17 Milliarden Dollar. Damit wird Hermann Simons Vergleich aus dem Gespräch mit Gunnar Sohn und Winfried Felser durch die Konzernberichte eher verschärft als relativiert. Alphabet weist die Werte in seinem Geschäftsbericht 2025 aus.

Der Wettbewerb findet auch zeitlich in verschiedenen Welten statt. Ein amerikanischer Hyperscaler finanziert aus einem einzigen Gewinnjahr mehrere europäische Großprogramme und setzt zugleich die nächste Chipgeneration, die nächste Entwickleroberfläche und die nächste Preiskurve. Schwarz baut in Lübbenau Infrastruktur für 2027 auf, während die Gegenspieler schon heute Kapazität für Modelle, Anwendungen und Kundenverträge der folgenden Jahre reservieren.

Hermann Simons Einwand trifft den Kern

Im Gespräch vom 22. August mit Gunnar Sohn und Winfried Felser formuliert Hermann Simon die Gegenposition ohne diplomatische Polsterung: „Wir haben keine Chance … in den Massenmärkten.“ Gemeint sind digitale Plattformen und künstliche Intelligenz, deren Ökonomie von globaler Skalierung, Geschwindigkeit und enormem Kapitaleinsatz geprägt wird. Simon nennt Uber als Lehrstück. Ein in San Francisco erprobtes System lässt sich über einen riesigen Heimatmarkt ausrollen. Ein europäischer Anbieter trifft auf 27 Rechtsordnungen, Sprachen, Behördenkulturen und Zertifizierungswege.

Simons Diagnose richtet sich weniger gegen Technologie als gegen die falsche Wahl des Marktes. Deutschland und Europa verfügen weiterhin über außergewöhnliche Kompetenzen in industriellen Prozessen, hoch spezialisierten Komponenten und schwer kopierbarem Erfahrungswissen. Simon nennt den Laststufenschalter von Maschinenfabrik Reinhausen, Lasertechnik für die EUV-Lithografie und Anlagen, die Saatgut mit Zehntausenden Körnern pro Sekunde sortieren. Solche Produkte bedienen keinen digitalen Massenkonsum. Sie lösen präzise Probleme, verlangen jahrzehntelang aufgebautes Wissen und sind eng mit den Abläufen ihrer Kunden verbunden.

Die politische Folgerung lautet daher: Software, Sensorik und KI müssen in diese industriellen Domänen eindringen. Europäische Unternehmen brauchen dafür Partnerschaften mit amerikanischen Technologiekonzernen, offene Schnittstellen und die Fähigkeit, Anbieter auszutauschen. Simon empfiehlt ausdrücklich mehr strategische Allianzen. Siemens und Microsoft oder Porsche und Google verbinden komplementäre Fähigkeiten: europäisches Prozesswissen mit amerikanischer Software- und KI-Kompetenz.

Schwarz Digits bewegt sich inzwischen selbst in diese Richtung. Das „manager magazin“ schildert den Verkauf von XM Cyber, die geplante Verbindung von Aleph Alpha mit Cohere, die Google-Partnerschaft, Gespräche mit Snowflake und Databricks sowie den Vertrieb amerikanischer Sicherheitsprodukte. Christian Müllers Formel, Souveränität sei kein Technationalismus, markiert den Abschied von der technologischen Autarkie. Die Autoren fassen den Kurswechsel knapp: „Vision weicht Pragmatismus.“ (S. 41–42.)

Von Chirac über Quaero zur nächsten europäischen Ankündigung

Der Reflex, amerikanische Massenplattformen durch ein politisch aufgeladenes europäisches Gegenstück einzuholen, besitzt eine lange Vorgeschichte. Jacques Chirac und Gerhard Schröder riefen 2005 Quaero aus, das häufig als europäische Antwort auf Google präsentiert wurde. Schon Ende 2006 trennten sich die französischen und deutschen Wege; aus dem deutschen Teil entstand Theseus. Beide Programme brachten Forschung, Prototypen und Patente hervor. Eine europäische Suchmaschine mit globaler Zugkraft entstand daraus nicht. CORDIS, der Forschungsdienst der EU, dokumentiert die Trennung und die Entstehung von Theseus.

Der Fehler lag weniger in der Förderung von Sprachverarbeitung oder semantischer Suche. Problematisch war die politische Erzählung vom nachholenden Großangriff. Sie behandelte einen Markt mit Netzwerkeffekten wie eine Eisenbahnstrecke: Genügend Geld, Gremien und Forschungsverbünde sollten am Ende eine konkurrenzfähige Plattform ergeben. Plattformen wachsen jedoch aus Nutzung, Vertrieb, Entwicklerbindung, Daten, Tempo und einem fortlaufenden Strom riskanter Investitionen. Ein Programm kann Forschung finanzieren. Es kann keine Massenadoption verordnen.

Auch Gaia-X wurde in der öffentlichen Debatte oft als europäische Cloud missverstanden. Die Organisation beschreibt ihre Aufgabe viel genauer: Transparenz, überprüfbare Regeln, Interoperabilität und die Möglichkeit für Nutzer, den gewünschten Grad rechtlicher, technischer und betrieblicher Autonomie selbst festzulegen. So definiert Gaia-X die eigene Mission. Darin steckt ein vernünftiger europäischer Ansatz. Er schafft Regeln für Wechselbarkeit und Vertrauen, anstatt AWS mit einem staatlich etikettierten Vollsortiment zu kopieren.

Die neuen KI-Gigafactories drohen erneut mit Erwartungen überladen zu werden. Die EU will dafür 20 Milliarden Euro mobilisieren. Rechenkapazität in Europa ist für Forschung, Verwaltung, Verteidigung und Unternehmen wichtig. Ein europäischer Standort macht aus einem Rechenzentrum noch kein Gegenstück zu Google DeepMind, AWS oder Microsoft. Die Kommission beschreibt die Gigafactories selbst als Infrastruktur für ein europäisches KI-Ökosystem.

Souveränität ist die Fähigkeit zur Wahl

Vollständige Unabhängigkeit wäre in einer global verflochtenen Digitalwirtschaft eine kostspielige Fiktion. Prozessoren, Fertigungsanlagen, Modelle, Betriebssysteme, Netztechnik und Softwarebibliotheken stammen aus grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten. Selbst eine europäische Cloud verwendet amerikanische Prozessorarchitekturen, taiwanische Fertigung, globale Open-Source-Projekte und häufig Software aus den Vereinigten Staaten. Autarkie taugt weder als technisches Lastenheft noch als Geschäftsmodell.

Abhängigkeit bleibt dennoch ein reales Risiko. Behörden, Kliniken, Energieversorger, Banken und Streitkräfte brauchen Dienste unter europäischer Rechtskontrolle. Unternehmen müssen Datenflüsse kennen, Ausfälle beherrschen und bei politischen Konflikten oder Preissprüngen wechseln können. Wer gar keine Alternative besitzt, verliert Verhandlungsmacht. Eine europäische Mindestfähigkeit kann daher wertvoll sein, auch ohne Weltmarktführerschaft im allgemeinen Cloudgeschäft.

Der vernünftige Begriff von Souveränität bezeichnet keine Kopie Amerikas. Er bezeichnet Wahlfähigkeit: Datenportabilität, offene Schnittstellen, überprüfbare Lieferketten, europäische Betriebsoptionen, Exit-Pläne und eigene Kompetenz in kritischen Schichten. Ein Konzern muss nicht jeden Baustein herstellen, um Kontrolle über sein Gesamtsystem zu behalten. Schwarz könnte dafür eine glaubwürdige Architektur anbieten.

Schwarz braucht eine engere Mission

Für Stackit liegt der attraktive Markt näher am Lidl-Regal als am Silicon Valley. Der Konzern kennt komplexe Lieferketten, Filialnetze, Logistik, Preissteuerung, Warenwirtschaft, Recycling und Lebensmittelproduktion. Aus diesen Erfahrungen könnten europäische Cloud- und KI-Angebote für Handel, Industrie und öffentliche Infrastruktur entstehen. Der Wettbewerbsvorteil läge dann in der Verbindung von Rechenleistung, Datenschutz, Branchenwissen und verlässlichem Betrieb.

Die Magazinrecherche zeigt allerdings, dass zentrale Lidl-Systeme und die App Lidl Plus teilweise weiter auf Azure oder Google Cloud laufen. Mehr als 100 Millionen App-Nutzer liefern einen Prüfstein im eigenen Haus. Erst eine belastbare Migration der kritischen Konzernsysteme würde Stackit jene Referenz verschaffen, die keine Kampagne ersetzen kann. Ein Anbieter, der beim eigenen Mutterkonzern nur Teile des Betriebs übernimmt, wird externe Großkunden kaum mit einem europäischen Sendungsbewusstsein überzeugen.

Auch die 2,2 Milliarden Euro Umsatz von Schwarz Digits verdienen eine präzise Lesart. Laut „manager magazin“ stammen kaum mehr als zehn Prozent von externen Kunden; der ausgewiesene Gesamtumsatz lässt daher keinen Rückschluss auf die Marktstellung von Stackit zu. Gleichzeitig nennt das Heft EU-Kommission, Europäische Zentralbank und Bundeswehr als jüngste Kundengewinne, die Müller im Einzelnen nicht kommentieren will. Diese Mandate weisen auf das tragfähige Segment: regulierte, sicherheitssensible und politisch kritische Anwendungen. Dort kann europäische Rechts- und Betriebskontrolle einen Preis rechtfertigen. Im offenen Massenmarkt entscheidet meist die Breite des Angebots bei sinkenden Stückkosten.

Der Rückzug aus dem Anspruch, Palantir, OpenAI, Amazon und SpaceX zugleich herauszufordern, wäre daher keine Kapitulation. Er wäre eine unternehmerische Klärung. Schwarz kann Infrastrukturbetreiber, Integrator und Garant europäischer Kontrollrechte werden. Amerikanische Basistechnologien ließen sich dort einbinden, wo Eigenentwicklung keinen unterscheidbaren Kundennutzen schafft. Eigene Produkte gehören in die Bereiche, in denen Datenhoheit, Sicherheit, Branchenwissen oder Ausfallschutz einen messbaren Mehrwert erzeugen.

Europas Zukunft liegt unterhalb der Massenplattform

Hermann Simon erinnert an eine wirtschaftliche Wahrheit, die in der europäischen Digitalpolitik regelmäßig hinter großen Namen verschwindet. Weltmarktführung verlangt keine Weltöffentlichkeit. Viele deutsche Unternehmen beherrschen winzige, hoch anspruchsvolle Ausschnitte globaler Wertschöpfung. Ihre nächste Aufgabe besteht darin, dieses Wissen mit KI, Cloud, Sensorik und Software zu verbinden. Dafür brauchen sie Zugang zu den besten Technologien, eigene Integrationskompetenz und vertragliche Freiheit.

Lübbenau kann in diesem Modell einen bedeutenden Platz einnehmen. Das Rechenzentrum wäre europäische Infrastruktur für sensible Daten, industrielle Anwendungen und Ausweichfähigkeit. Der Bau müsste sich an realer Nachfrage messen lassen, nicht an der Sehnsucht nach einem europäischen Amazon. Auch der Heilbronner KI-Campus kann Talente, Unternehmen und Forschung verbinden, ohne den nächsten OpenAI-Ersatz auszurufen.

Die Schwarz Gruppe hat genügend Kapital, Kunden und Ausdauer, um einen solchen Weg zu gehen. Für den globalen Plattformkrieg reichen selbst ihre Milliarden kaum. Europas Fehler bestünde darin, aus dieser Differenz eine Frage des Mutes zu machen. Sie ist eine Frage der Marktlogik. Wer das falsche Spielfeld wählt, verwandelt Milliarden in Symbolpolitik. Wer die eigene industrielle Kompetenz digital erweitert, kann Weltmärkte prägen, ohne Google nachzubauen.

Quellenhinweis: Die Seitenangaben beziehen sich auf Martin Mehringer/Caspar Schlenk, „Schwarze Wolken“, „manager magazin“ 9/2026, S. 36–42. Die Aussagen Hermann Simons stammen aus dem von Gunnar Sohn und Winfried Felser geführten Gespräch vom 22. August 2026.

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