Arbeit braucht Orte, keine Anwesenheitspflicht

von Gunnar Sohn
7. September 2026

Stefan Pfeiffers Besuch im Darmstädter CoWo21 liefert ein praktisches Beispiel zu Hans Rusineks Kritik am Back-to-Office-Reflex. Beide führen zu einer Frage, die am 8. September bei „Zukunft Personal Nachgefragt“ auf den Tisch gehört: Was muss ein Arbeitsort leisten, damit Menschen freiwillig kommen?

Die neue Bürowelt lässt sich an einem Satz von Carsten Buchholz verstehen: In großen Coworking-Ketten gehe es häufig darum, Tische zu vermieten. Im CoWo21 in Darmstadt sei das anders. Die Menschen kennen sich, essen zusammen, trinken Kaffee, spielen Kicker, helfen einander. Neue Mitglieder finden schnell Anschluss. Aus Fläche wird Gemeinschaft.

Stefan Pfeiffer hat diesen Unterschied in der neuen Ausgabe von „9vor9“ beschrieben. Das Thema Coworking war nach Corona aus seinem Blickfeld geraten. Dabei hat sich gerade dort etwas entwickelt, das für die aktuelle Debatte über Homeoffice und Rückkehr ins Büro viel interessanter ist als die nächste Konzernrichtlinie über drei verbindliche Präsenztage. Coworking zeigt, weshalb Menschen einen gemeinsamen Arbeitsort aufsuchen können, obwohl niemand sie dazu zwingt. Hans Rusinek würde vermutlich von einem Unterschied zwischen Kontrolle und Ermöglichung sprechen.

Der Schreibtisch schafft noch keine Zusammenarbeit

Stefan Pfeiffer formuliert es in seinem Blog deutlich: „Back-to-Office per Order von oben ist kein Zusammenarbeitskonzept.“ Seine eigene berufliche Biografie führt vom Einzelbüro über Großraumbüro und Desksharing bis zum Homeoffice. Bei IBM arbeitete er irgendwann mit Teams, die über Deutschland und die Welt verteilt waren. Der Weg ins Frankfurter Büro endete deshalb häufig vor einem Bildschirm, auf dem die gleichen Videokonferenzen liefen wie zu Hause.

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Diese Erfahrung gehört zu den Schwachstellen vieler Back-to-Office-Programme. Anwesenheit wird gezählt, obwohl der Zweck der Anwesenheit ungeklärt bleibt. Eine Führungskraft kann sehen, dass jemand um 9.13 Uhr am Schreibtisch sitzt. Daraus folgt noch keine bessere Zusammenarbeit. Pfeiffer vermutet hinter manchen deutschen Rückkehrprogrammen einen alten Kontrollreflex: „Wen ich vor Ort sehe, den habe ich im Griff.“ Für amerikanische Technologiekonzerne kommt ein weiteres Motiv hinzu. Strikte Büroregeln können Beschäftigte zur Kündigung bewegen und damit Personalabbau ohne klassische Entlassungsprogramme erleichtern.

Hans Rusinek beschreibt im Gespräch für „Zukunft Personal Nachgefragt“ fast denselben Mechanismus. Er nennt die Rückkehr zu Angst, Kontrolle, Forced Ranking und dem Führungsstil der „harten Hunde“ eine Regression. Organisationen reagieren auf neue Probleme mit Instrumenten einer vergangenen Arbeitswelt. Beim Return to Office warnt er zudem vor einem Downskilling-Effekt: Wechseln zuerst jene Beschäftigten, die gute Alternativen und belastbare Netzwerke besitzen, verliert das Unternehmen womöglich gerade seine begehrtesten Leute. Pfeiffer und Rusinek gelangen aus unterschiedlichen Richtungen zur gleichen Frage: Wofür sollen Menschen eigentlich zusammenkommen?

Ein Ankertag braucht einen Grund

Die Antwort aus dem „9vor9“-Gespräch lautet keineswegs: Jeder arbeitet jederzeit allein zu Hause. Lars Basche beschreibt einen Ankertag in seiner Agentur. Mittwochs versucht das Team zusammenzukommen. Größere Besprechungen und gemeinsame Arbeit werden bewusst auf diesen Tag gelegt. Der Unterschied liegt in der Entstehung der Regel. Ein Team organisiert seinen gemeinsamen Tag nach seinen Aufgaben. Eine Konzernzentrale verordnet keine abstrakte Präsenzquote.

Carsten Buchholz formuliert den Maßstab noch präziser. Wer gemeinsam Ideen entwickeln will, braucht einen passenden Raum. Wer konzentriert schreiben oder mehrere Videokonferenzen absolvieren muss, arbeitet möglicherweise besser allein. Moderne Arbeit gewinnt dort, wo Beschäftigte je nach Aufgabe entscheiden können, welche Umgebung sie brauchen. Feste Präsenzregeln zerstören diese Wahlmöglichkeit. Das passt zu Rusineks Formel aus „Reclaim Work“: Können, Wollen und Dürfen. Können bezeichnet Fähigkeiten. Wollen beschreibt den eigenen Antrieb. Dürfen umfasst Räume, Werkzeuge, Ressourcen, Zeit und Vertrauen.

Gerade das Dürfen wird in der Bürodebatte unterschätzt. Unternehmen reden gern über Motivation und Qualifikation. Schwieriger wird die Frage nach den Bedingungen. Darf ein Team selbst entscheiden, wo eine Aufgabe am besten gelingt? Gibt es Räume für konzentrierte Arbeit? Funktionieren Besprechungsräume technisch? Können Menschen zusammenkommen, sobald gemeinsames Arbeiten einen erkennbaren Nutzen hat? Ein schlecht organisiertes Büro bleibt auch bei hundert Prozent Anwesenheit schlecht organisiert.

Coworking liefert Rusineks „Dürfen“ aus Beton, WLAN und Kaffee

Das CoWo21 liefert ein interessantes Praxisbeispiel für Rusineks Begriff. Rund 250 Quadratmeter, vier Arbeitsräume und etwa 20 Plätze bilden keine spektakuläre Immobilienwelt. Dort arbeiten Freelancer, Angestellte in hybriden Modellen, Promovierende und Studierende aus sehr unterschiedlichen Disziplinen. Viele wären ohne diesen Ort allein in ihrer Wohnung.

Der Wert liegt in der sozialen Architektur. Menschen begegnen einander, obwohl sie weder dieselbe Firma noch dieselbe Hierarchie verbindet. Fragen wandern über den Schreibtisch. Kontakte entstehen beim Mittagessen. Wissen zirkuliert informell.

Rusinek beschreibt Arbeit als einen der verbliebenen Orte, an denen Menschen regelmäßig mit Personen zusammenkommen, die sie sich nicht vollständig ausgesucht haben. Diese Reibung kann gesellschaftlichen Wert erzeugen. Arbeit trainiert Kooperation zwischen Verschiedenen.

Coworking erweitert dieses Prinzip über die Unternehmensgrenze hinaus. Der Softwareentwickler sitzt neben der Übersetzerin, die Unternehmerin neben dem Promovierenden. Gemeinschaft entsteht nicht aus dem Organigramm. Sie wächst aus wiederholter Begegnung. Darin steckt eine interessante Antwort auf die Einsamkeit des Homeoffice. Die Alternative lautet nicht zwangsläufig Konzernbüro. Zwischen Wohnzimmer und Firmenzentrale entsteht eine dritte Arbeitswelt.

CoWo42 will aus dem Raum eine Infrastruktur machen

Besonders interessant wird Pfeiffers Beitrag beim Blick auf die nächste Entwicklungsstufe. Das bisherige CoWo21 soll nach dem geplanten Umzug als CoWo42 weiterleben. Buchholz denkt dabei über Schreibtische hinaus.

Einzelunternehmer und kleine Firmen verbringen viel Zeit mit Aufgaben, die ihr eigentliches Geschäft kaum voranbringen: Zeiterfassung, Datenschutz, Bewerbungsunterlagen, regulatorische Vorgaben. CoWo42 soll deshalb gemeinsame Dienste bereitstellen, die bei Bedarf gebucht werden können. Hinzu kommen digitale Infrastruktur und Angebote rund um künstliche Intelligenz. Menschen ohne technischen Hintergrund könnten KI-Werkzeuge ausprobieren und dabei auf Erfahrungen anderer zurückgreifen.

Im ausführlichen Gespräch beschreibt Buchholz seine Idee als eine Weiterentwicklung des Sharing-Prinzips. Wissen und digitale Werkzeuge sollen genauso geteilt werden wie Räume. Einzelunternehmer könnten Leistungen kurzfristig hinzubuchen, statt jede administrative Lösung selbst aufzubauen. Damit nähert sich Coworking einem Modell, das für eine fragmentierte Arbeitswelt interessant werden könnte: physischer Ort, soziale Gemeinschaft, digitale Infrastruktur und gemeinsames Wissen aus einer Hand. Gerade für kleine Unternehmen kann das wichtiger werden als der nächste Designer-Schreibtisch.

Die Rückkehr ins Büro ist zu klein gedacht

Die politische und betriebliche Back-to-Office-Debatte leidet deshalb unter einer falschen Ausgangsfrage. Sie fragt: Wie viele Tage sollen Beschäftigte im Büro sein? Die produktivere Frage lautet: Welche Arbeit gelingt an welchem Ort besser?

Für gemeinsames Entwickeln kann Präsenz wertvoll sein. Für informelles Lernen ebenfalls. Junge Beschäftigte profitieren davon, erfahrenen Kollegen über die Schulter schauen zu können. Auch Rusinek warnt deshalb vor einer romantischen Vorstellung vollständig entgrenzter Remote-Arbeit. Gute hybride Arbeit stellt hohe Anforderungen an Vertrauen, Lernen und Organisation. Doch aus diesem Befund folgt keine allgemeine Anwesenheitspflicht. Ein Büro muss seinen Besuch verdienen. Coworking-Spaces wie das CoWo21 tun das über Gemeinschaft und Freiwilligkeit. Menschen kommen, weil sie dort etwas finden, das ihnen zu Hause fehlt. Genau darin unterscheidet sich ein funktionierender Arbeitsort vom Kontrollbüro. Diese Debatte passt unmittelbar zu unserer Ausgabe von „Zukunft Personal Nachgefragt“.

Am Dienstag, 8. September, um 15 Uhr sprechen wir im Vorfeld der Zukunft Personal Europe über die Arbeitsagenda für 2027. Live im Studio sind Heike Riebe, Programmverantwortliche der Zukunft Personal, und die Arbeitsphilosophin Jule Jankowski. Dazu zeigen wir ein Vorabinterview mit Hans Rusinek. Rusinek eröffnet auf der Zukunft Personal Europe am 15. September mit dem „HR Diary 2027“ den Blick auf das kommende Jahr. Seine Ankündigung ist programmatisch: Er will keine Glaskugel bedienen. Er will To-dos formulieren. Zukunft versteht er als Gestaltungsaufgabe.

Stefan Pfeiffers Besuch in Darmstadt liefert dafür bereits eine konkrete Aufgabe: Unternehmen sollten aufhören, Präsenz als Kennzahl zu behandeln. Sie sollten Orte schaffen, an denen Menschen arbeiten, lernen und einander begegnen wollen. Ein Schreibtisch lässt sich vermieten. Gemeinschaft muss entstehen. Und ein Büro, das nur durch Anweisung voll wird, hat wahrscheinlich ein anderes Problem.

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