Vorsorgen statt Hamstern: Der Handel sollte Krisenvorsorge ins Regal bringen

von Gunnar Sohn
7. September 2026

Sohn@Sohn schlagen Vorsorgeboxen, Krisenregale und einen gestaffelten Haushaltsvorrat vor. Supermärkte und Discounter könnten amtliche Empfehlungen in konkrete Einkaufsroutinen übersetzen. Die Idee fließt in die Debatte um das „Gesamtstaatliche Sicherheitsökosystem 2030“ ein. Die Studie wird am 7. und 8. Oktober in Bonn vorgestellt.

Wasser, haltbare Lebensmittel, Kurbelradio, Taschenlampe, Powerbank, Medikamente und Bargeld: Was Behörden seit Jahren empfehlen, landet bei vielen Haushalten nie im Vorratsschrank. Sohn@Sohn wollen diese Lücke mit dem Lebensmittelhandel schließen. Das Konzept heißt „Vorsorgen statt Hamstern“.

Der Ausgangspunkt stammt von Armin Schuster, früherer Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Bei einem Gespräch zur BBK-Kampagne „Für alle Fälle vorbereitet“ verwies Schuster auf eine klare Arbeitsteilung: Behörden informieren. Händler können daraus marktfähige Angebote für den Alltag entwickeln. Aus einer Checkliste würde damit ein Einkaufsweg.

Vom Behördenratgeber zum Krisenregal

Supermärkte, Discounter, Getränkemärkte und Drogerien erreichen fast jeden Haushalt. Sie verfügen über Logistik, Sortimente und Millionen Kundenkontakte. Genau dort könnte Krisenvorsorge ihren Platz finden.

Sohn@Sohn schlagen ein gestaffeltes Modell vor. Haushalte bauen ihren Vorrat über mehrere Einkäufe auf. Zuerst kommen Wasser und Getränke. Danach folgen haltbare Lebensmittel und Möglichkeiten zum Kochen ohne Netzstrom. Radio, Licht, Batterien und Powerbank bilden die nächste Stufe. Medikamente, Dokumente, Bargeld und Notfallkontakte ergänzen die Ausstattung.

Die Vorräte bleiben Teil des normalen Verbrauchs. Wasser und Lebensmittel werden regelmäßig genutzt und ersetzt. So entsteht Vorsorge ohne Großeinkauf und ohne Keller voller vergessener Konserven. Der Leitsatz lautet: „Systemrelevant in der Krise. Vorsorgefähig im Alltag.“

Das Kurbelradio wird zum Symbol

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung rückte das Thema in ihrer Freitagsausgabe auf die Titelseite. Dort stand ein Kurbelradio. Im selben Blatt warnte Albrecht Broemme, früherer Berliner Landesbranddirektor und langjähriger Präsident des Technischen Hilfswerks, vor der Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur.

Broemme verwies auf den Berliner Stromausfall, der 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe vier Tage lang ohne Strom und Heizung ließ. Nach seinen Angaben band der Einsatz 20 Prozent der Berliner Polizei und die Hälfte der Feuerwehr.

Für Gunnar Sohn zeigt diese Rechnung, weshalb private Vorsorge auch den Katastrophenschutz entlastet: „Ein Haushalt, der die ersten Tage mit Wasser, Lebensmitteln, Licht und verlässlichen Informationen übersteht, braucht weniger sofortige Hilfe. Feuerwehr, THW, Polizei und Rettungsdienste gewinnen Zeit für Menschen und Einrichtungen, die zuerst Unterstützung brauchen.“

Hundert Liter Wasser für fünf Menschen

Beim Trinkwasser wird die Dimension schnell sichtbar. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rechnet mit zwei Litern pro Person und Tag. Für fünf Personen und zehn Tage ergeben sich hundert Liter.

„An diesem Punkt wird aus einer Broschüre eine logistische Aufgabe“, so Constantin Sohn. „Der Handel kann Mengen verständlich machen, passende Produkte anbieten und die Vorsorge auf mehrere Einkäufe verteilen.“ Denkbar sind Wasserkanister, geeignete Lagerbehälter und klare Hinweise zu Lagerung und Verbrauch. Filter und Mittel zur Wasseraufbereitung können das Sortiment ergänzen. Der angelegte Trinkwasservorrat bleibt dabei die wichtigste Reserve.

Vorsorge statt Panikkauf

Das Konzept zielt auch auf ein bekanntes Krisenphänomen: Panikkäufe. Wer bereits Wasser, Lebensmittel und Energieversorgung für einige Tage zu Hause hat, muss beim ersten Warnsignal keinen Großeinkauf starten. Für Händler entsteht daraus eine neue Rolle. Während der Corona-Pandemie sicherte der Lebensmitteleinzelhandel die laufende Versorgung. Künftig könnte er zusätzlich helfen, Haushalte vor einer Krise vorzubereiten.

Ein dauerhaftes „Vorsorgen statt Hamstern“-Regal wäre eine Möglichkeit. Hinzu kommen Aktionstage mit Feuerwehr, THW und lokalen Organisationen. Händler entscheiden selbst über Produkte, Lieferanten, Preise und Aktionsflächen. Behörden liefern die fachlichen Empfehlungen.

Hybride Angriffe treffen Versorgung und Vertrauen

Die Debatte gewinnt durch die jüngsten Warnungen vor hybriden Angriffen an Gewicht. Der finnische Sicherheitsexperte Jukka Savolainen beschreibt koordinierte Szenarien aus Sabotage an Strom- und Internetverbindungen, Cyberangriffen und Desinformation. Auch Broemme warnt vor Angriffen auf neuralgische Punkte wie Umspannwerke. Besonders kritisch sind Anlagen, deren Reparatur Wochen oder Monate dauert.

Damit wächst die Bedeutung privater Vorsorge. Ein Kurbelradio hält den Zugang zu Informationen offen, sobald Router, Mobilfunk oder Stromversorgung ausfallen. Wasser, Lebensmittel und Licht schaffen Zeit. Vorbereitung senkt zugleich die Wirkung von Falschmeldungen und Gerüchten.

GSÖ-Studie wird in Bonn vorgestellt

Die Frage nach der Rolle der Bevölkerung gehört auch zur Studie „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“. Sie untersucht, wie Behörden, Bundeswehr, Wirtschaft, Betreiber kritischer Infrastruktur, Hilfsorganisationen und Bevölkerung in Krisen schneller zusammenarbeiten können.

Die Studie wird am 7. und 8. Oktober 2026 beim Bonner IT-Dialog vorgestellt. Ein Schwerpunkt liegt auf der Handlungsfähigkeit in den ersten Stunden und Tagen einer Krise sowie auf der Frage, wie vorhandene Fähigkeiten besser verbunden werden können.

„Vorsorge beginnt weit vor der Sirene“, sagt Gunnar Sohn. „Der Staat muss kritische Infrastruktur schützen und seine Zuständigkeiten klären. Der Handel kann dafür sorgen, dass Wasser, Radio, Licht und Lebensmittel schon vorher im Haushalt stehen.“

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