
„Da sind wir wirklich an erster Stelle bei der Talentdichte“, sagte Barbara Wittmann im Messe-TV-Studio der Zukunft Personal Europe. Die LinkedIn-Verantwortliche für Deutschland, Österreich und die Schweiz sprach über die Ergebnisse einer internationalen Untersuchung. Deutschland führt den Vergleich vor Indien, Großbritannien, den USA und Frankreich. Rund 1,3 Prozent der deutschen LinkedIn-Mitglieder gelten als KI-Fachkräfte. In Indien sind es 1,1 Prozent, in Großbritannien und den USA jeweils 1,0 Prozent, in Frankreich 0,9 Prozent. Das ist eine Nachricht über die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes. Sie gehört ins Zentrum der Standortdebatte.
Wittmann nennt auch den Auftrag, der daraus folgt: „Die Fachkräfte und Kompetenzen sind vorhanden – nun müssen daraus konkrete Anwendungen, Investitionen und neue Geschäftsmodelle entstehen.“ Ihr Satz verschiebt die Aufmerksamkeit auf Menschen, deren Wissen bereits vorhanden ist, und auf Unternehmen, die diesem Wissen Aufgaben geben müssen. Die nächste Entwicklungsstufe beginnt mit der Nutzung dessen, was Deutschland gelernt, erforscht und über Jahrzehnte aufgebaut hat.
Zwei weitere Gespräche auf der Zukunft Personal Europe führen unmittelbar in diese Arbeit. Marc Kley, Geschäftsführer des Gateway Exzellenz Start-up Centers der Universität zu Köln, organisiert die Verbindung von wissenschaftlichen Ideen, unternehmerischen Fähigkeiten und möglichen Kunden. Dr. Jana Emontz erschließt als Geschäftsführerin des Heine-Zentrums für Weiterbildung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Forschungswissen für Berufstätige. Ihre Einrichtungen arbeiten an zwei Übergängen: Aus Forschung sollen Unternehmen entstehen, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen neue berufliche Fähigkeiten.
Die KI steckt längst in deutschen Ingenieurbiografien
Wittmann fasst KI-Kompetenz so auf, wie sie in einer industriellen Volkswirtschaft gebraucht wird. Dazu gehören Softwareentwicklung und maschinelles Lernen ebenso wie Ingenieurwissen, Sensorik, Automatisierung und die Fähigkeiten, Rechenzentren zu bauen und zu betreiben. In den Unternehmen arbeiten Menschen seit Jahren an Aufgaben, die durch neue KI-Verfahren zusätzliche Möglichkeiten erhalten. Die technische Erfahrung geht der jüngsten öffentlichen Begeisterung voraus.
Der AI-Skills-Report beschreibt diese Breite auch über die Berufsprofile. Zu den häufigsten KI-Berufen in Deutschland zählen Datenwissenschaftler, Datenanalysten und Dateningenieure. Hinzu kommen KI-Ingenieure, Fachleute für maschinelles Lernen sowie Tätigkeiten in Produktentwicklung und Robotik. Dahinter steht eine Wirtschaft, in der Daten mit Maschinen, Produktionsverfahren und konkreten Kundenproblemen verbunden werden.
Für die Unternehmensführung folgt daraus eine anspruchsvolle Suchaufgabe. Wer KI-Talente entdecken will, sollte die vorhandene Belegschaft nach ihren Fähigkeiten betrachten. Eine Berufsbezeichnung kann das Wissen eines Menschen nur unvollständig beschreiben. Ein Ingenieur versteht das Verhalten einer Anlage. Eine Facharbeiterin erkennt Abweichungen im Produktionsprozess. Ein Datenanalyst kann Muster aus Messreihen gewinnen. Ihr gemeinsames Projekt kann aus diesem Wissen eine neue Leistung machen.
Wittmann fordert deshalb, vorhandene Talente im eigenen Unternehmen zu identifizieren und ihnen Entwicklung zu ermöglichen. Sie ordnet KI als Aufgabe der Geschäftsführung ein. Personal, Technik, Finanzen, Recht und operative Bereiche müssen daran mitarbeiten. Die Frage lautet, welche neue Leistung das Unternehmen mit den Fähigkeiten seiner Menschen erbringen kann.
Die Gründer haben KI bereits in ihr Können aufgenommen
Auch über die Gründerszene sprach Wittmann im Interview mit einer Formulierung, die Aufmerksamkeit verdient: „mehr Gründer mit KI-Skills als in Indien“. Sie verband diese Aussage mit der Möglichkeit, Unternehmen durch KI schneller aufzubauen und Tätigkeiten zu bewältigen, für die früher mehr Zeit und Geld erforderlich gewesen wären. Hochschulen, Politik und Wirtschaft sollten diese Entwicklung sichtbar machen und unternehmerische Vorhaben ermöglichen.
Die Pressemitteilung beziffert den Anteil der deutschen Unternehmensgründer mit KI-Kompetenzen auf rund 18 Prozent. Im Jahr 2024 waren es etwa zehn Prozent. Deutschland und Indien bilden bei diesem Anteil die Spitze der untersuchten Märkte; für die USA nennt LinkedIn 12,5 Prozent. KI-Wissen wird damit zu einem Bestandteil unternehmerischer Qualifikation.
Das verändert die Voraussetzungen einer Gründung. Eine kleine Mannschaft kann zusätzliche Aufgaben selbst bearbeiten, Informationen schneller auswerten und frühe Entwürfe erproben. Unternehmerische Erfahrung bleibt dabei wichtig: Jemand muss entscheiden, welches Problem bearbeitet wird, welche Leistung einen Kunden überzeugt und welche Unterstützung von außen gebraucht wird. Genau an diesen Fragen setzt Kleys Arbeit an.
Köln hat aus Gründungsförderung eine dauerhafte Aufgabe gemacht
Auf die Frage nach angeblich gründungsmüden Hochschulen antwortet Marc Kley entschieden. Während der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre seien zahlreiche Gründungszentren, Beratungsangebote und Unterstützungsstrukturen entstanden. Unternehmertum habe einen anderen Stellenwert erhalten. Wer eine Idee verfolgen wolle, finde heute Ansprechpartner und Möglichkeiten, die früher vielerorts fehlten.
Für die Universität zu Köln lässt sich diese Entwicklung beziffern. Im Gründungsradar 2025 des Stifterverbandes erreicht sie unter den großen Hochschulen mit mehr als 15.000 Studierenden gemeinsam mit der Technischen Universität München den dritten Platz. Die Zahl der von ihr unterstützten Gründungen stieg von 14 im Jahr 2020 auf 38 im Jahr 2024. Acht neue Professuren mit Gründungsbezug verankern das Thema zusätzlich in der Lehre. Spezialisierte Mitarbeiter prüfen Forschungsergebnisse auf mögliche Anwendungen und begleiten Forschende bei ihren Vorhaben.
Kley beschreibt diese Veränderung auch innerhalb der Fachgebiete. Unternehmertum werde inzwischen in den Naturwissenschaften und in der Humanwissenschaftlichen Fakultät gelehrt. Eine wissenschaftliche Laufbahn kann dadurch früh mit der Frage in Berührung kommen, welche praktische Verwendung aus einer Erkenntnis entstehen könnte.
Die Gründung unmittelbar nach dem Studium ist dabei ein möglicher Weg. Kley hält es ebenso für sinnvoll, zunächst Berufserfahrung zu sammeln. Wer fünf Jahre in einer Branche gearbeitet hat, kennt ihre Abläufe, ihre Kunden und manche Schwierigkeiten, die von außen verborgen bleiben. Eine gute Idee kann aus einem Forschungsprojekt entstehen. Sie kann ebenso aus der Erfahrung wachsen, dass ein alltägliches Problem seit Jahren unbefriedigend gelöst wird.
Ein Unternehmen entsteht aus ergänzenden Fähigkeiten
Kleys Arbeitsalltag beginnt häufig mit einer fachlichen Lücke. Eine Naturwissenschaftlerin besitzt eine technische Idee und sucht jemanden, der das Geschäft versteht. Ein Gründungsteam braucht Erfahrung im Vertrieb. Andere suchen Menschen, die Organisation, Finanzierung oder Personalgewinnung übernehmen können. Das Zentrum öffnet dafür Kontakte innerhalb der Universität, zu anderen Hochschulen und zu erfahrenen Praktikern.
Diese Perspektive ist für die Diskussion über KI-Talente ergiebig. Die einzelne Fachkraft wird wirtschaftlich wirksam, sobald ihre Kenntnisse mit weiteren Fähigkeiten zusammenkommen. Ein Verfahren muss entwickelt, geprüft, erklärt, verkauft und verlässlich betrieben werden. Jede dieser Aufgaben verlangt eigenes Können. Talentpolitik sollte deshalb auch untersuchen, wie solche Verbindungen entstehen.
Kley greift im Gespräch den Gedanken auf, Leistungen gezielt von außen zu beziehen. Ein Gründer muss erkennen, welche Person oder welcher Anbieter eine fehlende Aufgabe übernehmen kann. Die unternehmerische Leistung liegt im Zusammenführen dieser Beiträge zu einem Angebot, das Kunden verwenden wollen.
Darin liegt eine Chance für Hochschulen, Fachhochschulen und die berufliche Bildung. Kley hält Absolventen dualer Studiengänge ausdrücklich für interessant. Sie verbinden Studium und Praxiserfahrung. Wer bereits in einer Branche gearbeitet hat, kann einem jungen Team Kenntnisse vermitteln, die sich aus Lehrbüchern kaum erschließen.
Gateway Factory öffnet den Weg vom Labor zum internationalen Markt
Die Gateway Factory erweitert diese Zusammenarbeit auf regionaler Ebene. Sie verbindet die RWTH Aachen, die Kölner Gateway-Hochschulen, die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Start2. Ihr Auftrag richtet sich auf technologieintensive Unternehmen, die ihre wissenschaftlichen Entwicklungen zur Marktreife bringen und international wachsen wollen. Zum Angebot gehören ein zwölfmonatiges Entwicklungsprogramm, fachliche Begleitung und gemeinsame Infrastruktur, darunter Laborflächen für Lebenswissenschaften in Köln und Produktionsmöglichkeiten in Aachen.
Kley sieht darin einen weiteren Schritt im Zusammenwirken der Hochschulstandorte. Köln, Düsseldorf und Aachen bringen ihre jeweiligen Möglichkeiten ein. Für ein wachsendes Unternehmen kann dadurch erreichbar werden, was es allein erst aufwendig aufbauen müsste.
Auch Finanzierung braucht nach seiner Darstellung einen gemeinsamen Entwicklungsplan. Öffentliche Geldgeber, private Investoren und Hochschulen sollten früh mit den Gründern klären, welche Mittel zu welchem Schritt passen. Kley berichtet von Beteiligungsprozessen, die sich in Deutschland über Wochen oder Monate ziehen. Eine engere Abstimmung könnte Vorhaben früher auf einen tragfähigen Weg bringen. Eigenkapital und Fremdkapital können dabei unterschiedliche Aufgaben erfüllen.
Eine solche Gründungsförderung arbeitet an konkreten Übergängen. Eine Idee braucht einen Versuch, der Versuch einen Anwendungsfall, die Anwendung einen Kunden. Die Qualität der Unterstützung zeigt sich daran, ob sie diese Schritte ermöglicht. Für eine KI-Republik mit vielen Talenten ist das eine zentrale organisatorische Aufgabe.
Freitag im Labor, Montag in der Weiterbildung
Jana Emontz beschreibt einen zweiten Weg, wissenschaftliche Erkenntnisse wirtschaftlich wirksam zu machen. Ihr Zeitbild ist einprägsam: Am Freitag wird im Labor geforscht, am Montag gelangt das Wissen in einen Workshop. Das Heine-Zentrum für Weiterbildung soll Berufstätigen einen schnelleren Zugang zur Wissenschaft eröffnen. Unternehmen können dort mit Fragen ankommen, die sich aus ihrer Arbeit ergeben.
Die Angebote reichen von Workshops bis zu Zertifikaten. Wissenschaftliche Weiterbildung steht dabei auch Menschen offen, die zuvor keinen Hochschulabschluss erworben haben. Emontz weist auf ein Sichtbarkeitsproblem hin: Universitäten werden vor allem mit Bachelor und Master verbunden. Ihre Angebote für Berufstätige sind vielen Arbeitgebern und Beschäftigten weit weniger bekannt.
Gerade für KI ist dieser Zugang wichtig. Erfahrene Menschen können ihre vorhandenen Kenntnisse um neue Verfahren ergänzen. Emontz unterscheidet zwischen grundlegender KI-Kompetenz für verschiedene Berufe und der vertieften Ausbildung technischer Spezialisten. Frühere Absolventen können an ihre Hochschule zurückkehren und Fähigkeiten erwerben, die während ihres Studiums noch keine Rolle spielten.
Das Zentrum vergleicht seine Weiterbildungsangebote mit Stellenanzeigen und spricht mit Unternehmen über deren Bedarf. Es entwickelt auch maßgeschneiderte Veranstaltungen. Die Breite der Universität hilft dabei, geeignete Fachleute für unterschiedliche Fragen zu finden – von technischen Problemen bis zu Philosophie und Führung.
Für Unternehmen entsteht daraus eine praktische Möglichkeit: Sie können mit dem Problem beginnen. Welche Aufgabe verändert sich? Welches Wissen fehlt? Wer muss ein neues Verfahren verstehen? Aus diesen Fragen lässt sich eine Weiterbildung entwickeln, deren Wirkung im Arbeitsalltag sichtbar wird. Die Universität erhält zugleich Rückmeldungen darüber, welche Schwierigkeiten beim Einsatz wissenschaftlicher Erkenntnisse auftreten.
Die Fähigkeiten wachsen schneller als Teile der Personalplanung
Der LinkedIn-Bericht enthält einen Befund, der unmittelbar an die Unternehmensführung adressiert ist. In der deutschen Fertigungsindustrie stieg der Anteil der Beschäftigten mit KI-Kenntnissen von 1,1 Prozent im Jahr 2016 auf 2,8 Prozent im Jahr 2025. Deutschland erreicht damit den höchsten Anteil unter den untersuchten Märkten. Gleichzeitig sank zwischen 2020 und 2025 der Anteil der Stellenanzeigen in der Fertigung, die technische KI-Kompetenzen verlangen, von rund 1,3 auf 0,8 Prozent.
Daraus ergibt sich eine konkrete Prüfaufgabe für Arbeitgeber. Bildet ihre Personalplanung die Möglichkeiten ab, die Beschäftigte bereits mitbringen? Werden KI-Kenntnisse bei neuen Aufgaben berücksichtigt? Enthalten Stellenbeschreibungen jene Fähigkeiten, mit denen das Unternehmen sein Geschäft weiterentwickeln will?
Die Entwicklung im Gesamtmarkt zeigt, wie viel Bewegung bereits vorhanden ist. Der Anteil der Stellenanzeigen im Bereich KI-Entwicklung stieg in Deutschland von Januar bis März 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 55 Prozent. Für München nennt LinkedIn einen Zuwachs von 67 Prozent, für Berlin 38 Prozent.
Die wirtschaftspolitische Debatte gewinnt durch diese Unterschiede an Genauigkeit. Auf der einen Seite wächst die Nachfrage nach KI-Entwicklung. Auf der anderen Seite enthält der industrielle Personalbedarf ein Potenzial, das gezielter erschlossen werden kann. Die Aufgabe liegt bei Entscheidungen über Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsorganisation.
Wittmann fordert entsprechend, KI für neue Geschäftsfelder und zusätzliche Umsätze zu nutzen. Eingesparte Zeit kann in die Entwicklung solcher Angebote fließen. Der Maßstab reicht von der effizienteren Bearbeitung eines Vorgangs bis zur Frage, welche Leistung das Unternehmen seinen Kunden künftig anbieten kann.
Die Rechenzentren zeigen den Aufbau im Hintergrund
Ein weiterer Befund widerspricht dem Bild einer technisch erstarrten Wirtschaft. Die Zahl der auf LinkedIn erfassten Fachkräfte in deutschen Rechenzentren hat sich seit 2017 nahezu vervierfacht. In Frankreich stieg sie im gleichen Zeitraum auf etwa das Zweieinhalbfache, in Großbritannien auf das 1,6-Fache. Indien und die USA verzeichneten ungefähr eine Verdopplung.
Dieser Aufbau verweist auf eine Form von Kompetenz, die in der öffentlichen KI-Debatte leicht hinter Sprachmodellen und Produktankündigungen verschwindet. Wittmann zählt den Bau und Betrieb von Rechenzentren ausdrücklich zum erweiterten Feld der KI-Fähigkeiten. Sie beschreibt damit die Menschen, die technische Voraussetzungen schaffen und im Betrieb beherrschen.
Für die Talentpolitik ist das eine wichtige Perspektive. Eine digitale Wirtschaft benötigt unterschiedliche Qualifikationen entlang ihrer gesamten technischen Grundlage. Hochschulwissen, Ingenieurpraxis und berufliche Ausbildung können sich dort ergänzen. Wer nur nach den öffentlich sichtbaren Namen einer Branche sucht, übersieht einen Teil der Arbeit, auf der ihre Leistungsfähigkeit beruht.
KI und Nachhaltigkeit finden gemeinsame Anwendungen
Der Bericht beschreibt außerdem, wie KI- und Nachhaltigkeitskompetenzen zusammenwachsen. Unter den deutschen LinkedIn-Mitgliedern mit Nachhaltigkeitskenntnissen, die 2025 neue Fähigkeiten in ihr Profil aufnahmen, ergänzten rund 3,6 Prozent technische KI-Kompetenzen. Dieser Anteil lag 78 Prozent über dem Vorjahreswert.
Weltweit zählen betriebliche Effizienz, Wartung und Reparatur sowie die Reparatur von Computerhardware zu den besonders rasch wachsenden Nachhaltigkeitskompetenzen unter KI-Fachkräften. LinkedIn sieht darin Hinweise auf neue Geschäftsfelder, etwa intelligente Stromnetze, energieeffiziente Rechenzentren und KI-gestützte Produktionsprozesse.
Auch Wittmann sprach im Interview über diese Verbindung. Ein Rechenzentrum benötigt Strom; seine Steuerung verlangt Kenntnisse über Verbrauch und Betrieb. Aus dem Zusammenwirken verschiedener Fachgebiete können Anwendungen entstehen, deren Nutzen sich an Energie, Material oder Lebensdauer messen lässt.
Für Kley und Emontz liegt darin ein gemeinsamer Arbeitsbereich. Gründungsförderung kann Menschen mit ergänzenden Fachkenntnissen zusammenbringen. Weiterbildung kann jene Fähigkeiten vermitteln, die für ein neues Vorhaben fehlen. Eine unternehmerische Idee gewinnt dadurch Zugang zu wissenschaftlichem Wissen und praktischer Erfahrung.
Frauen gehören ins Zentrum der nächsten Qualifizierungsoffensive
Wittmann benennt zugleich eine Aufgabe für den weiteren Ausbau der Talentbasis. Frauen stellen bislang rund ein Viertel der Fachkräfte im Bereich KI-Entwicklung. Sie fordert, mehr Frauen für technische KI-Berufe zu gewinnen und bei der Fachkräftestrategie den gesamten Arbeitsmarkt einzubeziehen.
Für Unternehmen lässt sich daraus ein konkretes Programm ableiten. Sie sollten prüfen, wer Zugang zu anspruchsvollen Projekten erhält, wem technische Weiterbildung angeboten wird und welche Erfahrungen bei der Auswahl von Nachwuchskräften zählen. Wer Fähigkeiten verbreitern will, muss Gelegenheiten zur Entwicklung ebenso bewusst verteilen wie offene Stellen.
Emontz’ Ansatz eröffnet dafür verschiedene Einstiege. Grundlegende KI-Kenntnisse sollen unterschiedliche Studiengänge erreichen. Weiterbildungsangebote erlauben es Berufstätigen, ihre Qualifikation zu ergänzen. Der Zugang über vorhandene Erfahrung erweitert den Kreis der Menschen, die sich neue technische Aufgaben erschließen können.
Bochum verbindet wissenschaftliche Spitze mit beruflicher Praxis
Die Verbindung von Forschung und Ausbildung war bereits Thema unseres Gesprächs mit Christine Skropke von secunet auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn. Sie verwies auf die Ruhr-Universität Bochum als eine weltweit führende Adresse der Cybersicherheit. Zugleich forderte sie eine breitere berufliche Ausbildung für jene Aufgaben, die Unternehmen und öffentliche Einrichtungen täglich bewältigen müssen.
Skropke sprach über Menschen, die Updates sicher einspielen, Netze schützen, Angriffe erkennen und Systeme stabil halten. Der Ausbildungsberuf Fachinformatiker sollte nach ihrer Vorstellung zusätzliche praxisnahe Cybersicherheitsinhalte erhalten. Langfristig brachte sie einen eigenen Ausbildungsberuf für Cybersicherheit ins Gespräch.
Diese Perspektive ergänzt den LinkedIn-Befund. Wissenschaftliche Erkenntnisse entfalten ihren Wert durch eine breite Fähigkeit zur Anwendung. Dazu gehören Menschen mit Hochschulabschluss, Fachkräfte aus der dualen Ausbildung und Beschäftigte, die ihre berufliche Erfahrung durch Weiterbildung ergänzen. Kleys Suche nach Praxiserfahrung für junge Unternehmen folgt einer verwandten Logik: Ein Team gewinnt durch Menschen, die wissen, wie eine Branche tatsächlich arbeitet.
Wahlsters Warnung gilt dem Lärm um die Leistung
Wolfgang Wahlster hat früh davor gewarnt, die Lautstärke des Technologiemarketings mit wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit zu verwechseln. Bereits 2017 griff ich in einer Kolumne seine Kritik an den amerikanischen „Marktschreiern“ auf. Wahlster verwies damals auf die ingenieurwissenschaftliche Arbeit des DFKI und auf das Interesse internationaler Technologieunternehmen an deutscher Forschung.
Die Warnung enthält einen Maßstab für die heutige Standortdebatte. Eine Strategie braucht Kenntnis der eigenen Fähigkeiten. Wer jede ausländische Produktankündigung als Beleg eigener Aussichtslosigkeit liest, entwickelt daraus kaum eine tragfähige Investitionsentscheidung. Er übernimmt die Dramaturgie des Anbieters und betrachtet sein eigenes Unternehmen durch dessen Verkaufsargumente.
Die LinkedIn-Zahlen laden zu einer anderen Arbeit ein. Sie zeigen vorhandenes Können, seine Entwicklung und Unterschiede zwischen Branchen. Die Gespräche mit Kley und Emontz führen zu Einrichtungen, die dieses Können ergänzen und verbinden. Daraus entsteht eine Landkarte möglicher Zusammenarbeit.
Diese Befunde gehören in Wirtschaftsteile, Nachrichtensendungen und politische Gesprächsrunden. Dort sollte ebenso konkret über deutsche KI-Kompetenzen gesprochen werden wie über Finanzierungslücken und Investitionsrückstände. Eine gründliche Standortanalyse muss erklären, wo ein Land bereits handlungsfähig ist. Erst dann kann sie präzise benennen, welche Entscheidungen seine Möglichkeiten erweitern.
Die nächste Leistung braucht einen Auftrag
Kley richtet an die Personalverantwortlichen auf der Zukunft Personal Europe eine praktische Einladung. Sie sollen mit jungen Unternehmen zusammenarbeiten, ihre Erfahrungen weitergeben und Kontakte öffnen. Gerade die ersten Personalentscheidungen sind für Gründer anspruchsvoll. Etablierte Arbeitgeber können häufig höhere Gehälter zahlen. Ein junges Unternehmen muss seine Aufgabe, seine Entwicklungsmöglichkeiten und die Zusammenarbeit überzeugend beschreiben.
Eine erfahrene Personalleiterin kann dabei helfen, fehlende Fähigkeiten zu erkennen. Ein Unternehmen kann einen Praxiseinsatz ermöglichen. Eine Hochschule kann passende Weiterbildung organisieren. Ein erster Kunde kann ein begrenztes Vorhaben beauftragen und damit zeigen, welche Leistung tatsächlich gebraucht wird. Jede dieser Entscheidungen kann den Weg von einer Idee zu einem tragfähigen Geschäft verkürzen.
Kleys wirtschaftliches Kriterium bleibt dabei eindeutig: Gründer müssen verstehen, was ihre Kunden mit einer Erfindung anfangen wollen. Die Offenheit für Beratung und die Bereitschaft, die eigene Idee an einem realen Bedarf zu prüfen, gehören für ihn zum Unternehmertum.
„Make Ideas Work“ erhält so einen konkreten Inhalt. Menschen mit Fähigkeiten brauchen Aufgaben, Partner und die Möglichkeit, ihre Ergebnisse im Markt zu erproben. Hochschulen können diese Wege öffnen. Unternehmen müssen sie nutzen. Politik kann Bedingungen schaffen, unter denen die Zusammenarbeit schneller gelingt.
Wittmanns Nachricht aus dem Messe-TV-Studio lautet: Deutschland besitzt die Talente. Kley und Emontz zeigen Wege, ihr Wissen wirtschaftlich und gesellschaftlich wirksam zu machen. Die nächste Antwort auf die deutsche Standortfrage kann deshalb in Köln, Düsseldorf oder Bochum entstehen: als neue Zusammenarbeit, als gegründetes Unternehmen, als Anwendung, für die ein Kunde bezahlt.
