Der Vorstand als letzter Sachbearbeiter

von Gunnar Sohn
1. Oktober 2026

Der Ökonom Joseph Schumpeter beschrieb eine Unternehmensleitung, der ein Apparat von Spezialisten die Entscheidungen fertig vorlegt. Im Zeitalter künstlicher Intelligenz bekommt diese Diagnose neue Bedeutung. Die Fabrik im Kopf reicht bis in die Chefetage: Eine Organisation kann ihre Abläufe perfektionieren und dabei verlernen, die Voraussetzungen ihres Geschäfts zu verändern.

Der Industriekapitän bekommt die Zukunft vorgelegt. Seine Spezialisten haben gerechnet, technische Möglichkeiten geprüft, Absatzchancen geschätzt und einen Vorschlag ausgearbeitet. Ihm bleibt, die Entscheidung zu bestätigen. Joseph Schumpeter beschreibt diese Verschiebung in seinem 1929 veröffentlichten Aufsatz „Der Unternehmer in der Volkswirtschaft von heute“. Für die Entwicklung der großen Unternehmensorganisation findet er einen Ausdruck, der heute wie eine Diagnose digitaler Entscheidungsverfahren klingt: die „Mechanisierung und Bureaukratisierung der Willensbildung“. Der Mann an der Spitze verfügt über einen mächtigen Apparat. Zugleich gerät seine eigene unternehmerische Funktion unter Druck. Schumpeter Archiv

Damit erhält die Kritik an der Fabrik im Kopf eine andere Adresse. Bisher fällt der Blick vor allem auf Beschäftigte, deren Arbeit zerlegt, vermessen und durch Freigabeschleifen geführt wird. Schumpeter richtet ihn auf die Führung. Auch sie kann zum ausführenden Bestandteil einer Organisation werden, die ihre Zwecke längst vorab festgelegt hat. Der Vorstand unterschreibt, was unten vorbereitet wurde. Mit künstlicher Intelligenz lässt sich diese Vorbereitung beschleunigen. Ob dadurch auch die Fähigkeit wächst, ein anderes Geschäft zu denken und durchzusetzen, bleibt eine offene Frage.

Die Arbeitsteilung erreicht ihren Auftraggeber

Adam Smiths Stecknadelfabrik erklärt, wie die Zerlegung von Arbeit Produktivität ermöglicht. Einzelne Verrichtungen lassen sich einüben, verbessern und durch Maschinen unterstützen. Smith beschreibt dabei durchaus Erfindungsreichtum: Beschäftigte entdecken Verfahren, die ihre eigene Arbeit erleichtern; andere Menschen verbinden Beobachtungen aus entfernten Gebieten miteinander. Sein Text enthält bereits beides, die Spezialisierung und die Neukombination. Die spätere Managementreligion der reibungslosen Wiederholung ist eine erhebliche Verengung dieses Gedankens.

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Auch die geistigen Kosten monotoner Arbeit entgehen Smith keineswegs. Im fünften Buch des „Wohlstands der Nationen“ warnt er davor, dass Menschen bei lebenslanger Beschränkung auf wenige einfache Verrichtungen die Übung im selbstständigen Denken verlieren. Wer regelmäßig Schwierigkeiten lösen muss, trainiert seinen Verstand. Eine Tätigkeit, die jede Schwierigkeit bereits ausgeräumt hat, kann diese Fähigkeit verkümmern lassen. Die Sorge um menschliche Urteilskraft gehört damit zur klassischen Analyse der Arbeitsteilung selbst.

Schumpeter führt den Blick auf eine andere Etage des Gebäudes. Die Zerlegung und Spezialisierung erreicht die Willensbildung des Unternehmens. Ingenieure, Marktbeobachter und kaufmännische Fachleute bereiten die Zukunft arbeitsteilig vor. In heutiger Sprache ließe sich daraus eine Frage an die Führung ableiten: Welche geistige Arbeit verrichtet jemand noch selbst, der ausschließlich zwischen fertig bewerteten Vorschlägen auswählt? Die Fabrik im Kopf kann auch dort entstehen, wo Menschen für ihre Entscheidungsfreiheit bezahlt werden.

Aus tausend Postkutschen entsteht keine Eisenbahn

Schumpeters Theorie setzt bei einer Unterscheidung an, die für das Management unbequem bleibt. Eine Wirtschaft kann ihre bekannten Verfahren verbessern, mehr produzieren und vorhandene Möglichkeiten geschickter nutzen. Entwicklung im anspruchsvolleren Sinn verändert die Möglichkeiten selbst. In seiner Skizze „Entwicklung“ von 1932 veranschaulicht er diesen Unterschied mit einem Verkehrsmittel: „Aber man vermehre die Postkutschen soviel man will, nie erwächst eine Eisenbahn daraus.“ Eine Zunahme innerhalb der bestehenden Ordnung und der Übergang zu einer anderen Ordnung sind verschiedene Vorgänge.

Für Unternehmen lässt sich daraus ein genauer Prüfstein gewinnen. Optimierung beantwortet die Frage, wie ein gesetztes Ziel unter bestimmten Bedingungen besser erreicht werden kann. Unternehmerische Entwicklung prüft zusätzlich, welche dieser Bedingungen veränderbar sind. Ein Unternehmen kann seine Produkte schneller ausliefern, seine Lagerbestände präziser berechnen und seinen Vertrieb besser auslasten. Es kann ebenso entdecken, dass Kunden eine ganz andere Leistung benötigen, für die Produkt, Vertrieb und Erlösmodell neu verbunden werden müssen. Beide Aufgaben verlangen Sachkenntnis. Sie brauchen jedoch unterschiedliche Maßstäbe.

Die Kritik an ökonomischer Statik sollte deshalb den richtigen Gegenstand treffen. Schumpeters Gedanken sind in der Wirtschaftswissenschaft weiterentwickelt worden. Philippe Aghion und Peter Howitt haben schöpferische Zerstörung ausdrücklich in ein formales Wachstumsmodell aufgenommen, das Innovation und die Verdrängung älterer Technologien untersucht. Mathematik, Gleichgewichtsbegriffe und eine Theorie wirtschaftlicher Veränderung schließen sich folglich keineswegs aus. Die relevante Frage lautet, ob eine Analyse die Entstehung neuer Bedingungen erfasst oder bestehende Bedingungen unbemerkt für dauerhaft erklärt. National Bureau of Economic Research

Im Unternehmen kann diese Verwechslung erhebliche Folgen haben. Eine Planung sieht präzise aus, weil jede Spalte ausgefüllt ist. Ihre entscheidende Annahme bleibt möglicherweise ungeprüft: dass das bisherige Geschäft auch künftig den geeigneten Rahmen für sämtliche Entscheidungen bildet. Dann verwandelt sich Genauigkeit in eine Form der Selbstberuhigung. Die Organisation weiß immer besser, wie sie innerhalb ihres Modells handeln muss, während ihr entgeht, dass ein Wettbewerber gerade ein anderes Modell etabliert.

Schumpeter widerspricht dem Schumpeter-Klischee

Wer Schumpeter lediglich als Verteidiger des genialen Einzelunternehmers liest, verpasst allerdings die Schwierigkeit seiner Diagnose. In „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ beschreibt er ausdrücklich, dass auch der Fortschritt selbst mechanisiert werden könne. Geschulte Spezialistengruppen übernehmen Aufgaben, die zuvor vom besonderen Blick einzelner Unternehmer abhingen. Forschung und technische Entwicklung werden organisierbar. Die persönliche Unternehmerfunktion kann an Bedeutung verlieren, während wirtschaftliche Neuerungen weiter entstehen. Bürokratisierung und Innovation bilden bei ihm deshalb ein komplizierteres Verhältnis, als es die übliche Gegenüberstellung von kreativem Gründer und trägem Konzern vermuten lässt.

Diese Beobachtung lässt sich heute gegen zwei bequeme Erzählungen wenden. Die eine verspricht, mit genügend Daten werde jede wichtige Entscheidung berechenbar. Die andere versichert, schöpferisches Handeln bleibe auf Dauer ein exklusiver Besitz des Menschen. Schumpeter gibt Anlass, beide Erwartungen zu prüfen. Organisierte Forschung kann Neues hervorbringen. Technische Systeme können den Suchraum erweitern. Gleichzeitig bleibt zu untersuchen, welche Arten von Neuerung innerhalb einer gegebenen Organisation überhaupt eine Chance erhalten.

Ein Feldexperiment mit 776 Fachkräften bei Procter & Gamble liefert dafür einen konkreten Hinweis. Die Forschenden ließen Beschäftigte an Produktinnovationsaufgaben arbeiten, allein oder zu zweit, jeweils mit oder ohne generative KI. Einzelpersonen mit KI erreichten bei der bewerteten Leistung das Niveau von Zweierteams ohne KI. Außerdem verbanden ihre Vorschläge technische und kommerzielle Gesichtspunkte ausgewogener. Die Untersuchung zeigt damit, dass KI bestimmte Grenzen fachlicher Spezialisierung überwinden helfen kann. Sie untersucht die Qualität von Lösungsvorschlägen; deren langfristige Bewährung am Markt bleibt eine weitere Prüfung.

Die technologische Frage bekommt dadurch eine organisatorische Fortsetzung. Ein System kann bessere Vorschläge ermöglichen. Ob daraus ein neues Produkt entsteht, hängt zusätzlich von Geld, Zuständigkeiten, Kundenkontakten und der Bereitschaft ab, bisherige Interessen anzutasten. Zwischen einer überzeugenden Idee und einer wirtschaftlich wirksamen Neuerung liegt eine Strecke, auf der Organisationspolitik ebenso wichtig werden kann wie technische Leistungsfähigkeit.

Die KI perfektioniert den Auftrag, den sie erhält

Nehmen wir einen Maschinenhersteller als Gedankenexperiment. Er setzt KI ein, um Angebote schneller zu erstellen, Ersatzteile besser zu disponieren und Serviceanfragen zu bearbeiten. Das kann Kunden helfen und Kosten senken. Derselbe Betrieb könnte aus seinen Wartungsdaten jedoch auch ein anderes Angebot entwickeln: Kunden bezahlen für eine verlässlich verfügbare Produktionsleistung. Die Maschine wird Teil eines umfassenderen Leistungsversprechens. Plötzlich verändern sich Finanzierung, Wartung, Haftungsverteilung, Vertrieb und die Bedeutung des eigenen Ersatzteilgeschäfts.

Die erste Anwendung lässt sich innerhalb vertrauter Zuständigkeiten organisieren. Die zweite greift in deren wirtschaftliche Grundlage ein. Ein Bereich könnte Umsätze verlieren, während ein anderer erst aufgebaut werden muss. Der Vertrieb müsste ein ungewohntes Versprechen verkaufen. Die Finanzplanung müsste eine andere zeitliche Verteilung von Kosten und Erträgen tragen. Aus einer technischen Möglichkeit wird eine Auseinandersetzung darüber, was das Unternehmen künftig sein soll.

Eine KI kann bei beiden Aufgaben helfen. Ihre Verwendung kann jedoch so angelegt sein, dass sie ausschließlich die erste bearbeitet. Dann erhält sie Ziele, Kennzahlen und Grenzen, die das bestehende Geschäft bereits voraussetzen. Sie produziert innerhalb dieses Rahmens ausgezeichnete Vorschläge. Der Engpass liegt in diesem Fall bei der Auswahl der Frage. Eine Organisation kann leistungsfähige Technik einsetzen und ihre unternehmerische Enge dabei unangetastet lassen.

Das wäre eine zeitgemäße Fortsetzung von Schumpeters Diagnose: algorithmisch beschleunigte Statik. Gemeint ist eine Organisationsform, die neue Technik zur Stabilisierung ihrer alten Zwecke verwendet. Sie führt laufend Neuerungen ein, automatisiert Vorgänge und verbessert Kennzahlen. Ihre Fähigkeit, einen anderen Zweck oder ein anderes Geschäftsmodell zu verfolgen, bleibt davon unabhängig. Technischer Wandel und unternehmerische Erneuerung müssen deshalb getrennt beobachtet werden.

Der Mensch in der Schleife kann längst zum Abzeichner geworden sein

Schumpeters Industriekapitän hat formal weiterhin das letzte Wort. Seine Spezialisten nehmen ihm die Entscheidung so weit ab, dass seine Tätigkeit zum Ratifizieren tendiert. Für die heutige KI-Debatte ist diese Konstellation wichtiger als die Frage, ob irgendwo noch ein Mensch auf „Freigeben“ klickt. Die bloße Anwesenheit eines Entscheiders verrät wenig darüber, welchen Einfluss er auf die Entstehung der Entscheidung besitzt.

Eine wirksame Entscheidung setzt voraus, dass Alternativen sichtbar bleiben. Der Verantwortliche muss erkennen können, welche Annahmen den Vorschlag tragen, welche Möglichkeit ausgeschlossen wurde und welche Ziele das Verfahren als unveränderlich behandelt. Er benötigt außerdem die Befugnis, eine andere Untersuchung anzustoßen. Wer ausschließlich zwischen drei vorgegebenen Varianten wählen darf, besitzt einen anderen Spielraum als jemand, der den Auftrag verändern kann.

Daraus folgt eine anspruchsvollere Vorstellung menschlicher Kontrolle. Die Führung muss in der Lage sein, vor der Empfehlung einzugreifen: bei den Zielen, den Fragen und den Kriterien. Eine nachträgliche Bestätigung kann sinnvoll sein, besonders bei gut verstandenen Routinevorgängen. Für unternehmerische Entwicklung wird zusätzlich die Möglichkeit gebraucht, den vorhandenen Entscheidungsrahmen aufzubrechen. Der letzte Klick ist dafür ein dürftiger Ersatz.

Die Beförderungsordnung kann gegen das Neue arbeiten

Schumpeter untersucht im selben Aufsatz noch eine zweite Veränderung. Mit der großen Organisation wandeln sich die Auswahlmechanismen für ihre Leitung. Verhandlungsgeschick, interne Akzeptanz und taktische Fähigkeiten gewinnen Gewicht. Eigenschaften, die jemanden an die Spitze bringen, können von den Fähigkeiten abweichen, die dort für technische und kommerzielle Erneuerung erforderlich wären. Seine Formulierung ist knapp: „Die Leute steigen also anders, und es steigen andere Leute.“

Diese Beobachtung verschärft die Kritik an der Fabrik im Kopf. Ein Unternehmen kann Menschen nach ihrer Fähigkeit auswählen, das bestehende Verfahren zu beherrschen, und anschließend von ihnen erwarten, dieses Verfahren grundsätzlich zu verändern. Wer über Jahre gelernt hat, Risiken politisch abzusichern, Vorlagen durch Gremien zu bringen und möglichst wenig angreifbare Entscheidungen zu treffen, soll plötzlich ungesicherte Möglichkeiten verfolgen. Eine andere Beförderungslogik würde andere Erfahrungen honorieren.

Hier schließt sich die Machtfrage an, die auch bei innerbetrieblichen Graswurzelbewegungen und Corporate Influencern auftaucht. Fachleute können Ideen entwickeln, sich vernetzen und Aufmerksamkeit gewinnen. Die Umsetzung verlangt Verfügung über Arbeitszeit, Geld und andere Ressourcen. Sobald ein Vorschlag bisherige Erlöse oder Zuständigkeiten berührt, gerät er in einen Interessenkonflikt. Seine fachliche Qualität allein entscheidet dann kaum darüber, ob er weiterverfolgt wird.

Im gedachten Maschinenunternehmen könnte ausgerechnet jener Bereich über das neue Leistungsmodell urteilen, dessen Ersatzteilumsatz dadurch sinken würde. Man muss den Verantwortlichen dafür keine Bosheit unterstellen. Sie erfüllen ihre bisherigen Aufgaben und schützen ihre Ergebnisziele. Das Problem steckt in einer Ordnung, die ihnen zugleich die Beurteilung einer möglichen Ablösung ihres Geschäfts überträgt. Die Zukunft muss ihre Zulassung beim Inhaber der Gegenwart beantragen.

Ein Versuch braucht Verfügungsmacht

Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung verbindet die Durchsetzung neuer Kombinationen deshalb mit der Verfügung über Produktionsmittel. Kredit eröffnet dem Unternehmer die Möglichkeit, Ressourcen in eine neue Verwendung zu lenken. Eine Idee gewinnt wirtschaftliche Bedeutung, sobald jemand die Mittel erhält, sie tatsächlich zu verwirklichen. Zwischen Einfall und Entwicklung steht damit eine Finanzierungsentscheidung.

Für heutige Organisationen lässt sich daraus eine praktische Forderung ableiten. Ein Erneuerungsprojekt braucht einen begrenzten, aber realen Handlungsspielraum. Das Team benötigt Arbeitszeit, Zugang zu Kunden, technische Unterstützung und Geld für Versuche. Es muss wissen, welche Entscheidungen es selbst treffen darf und an welcher Stelle ein anderer Verantwortlicher übernehmen muss. Ein zusätzliches Kreativseminar kann diese Bedingungen kaum herstellen.

Auch die Prüfung des Vorhabens sollte zu seinem Erkenntnisstand passen. Zu Beginn lässt sich untersuchen, ob ein Kundenproblem besteht, ob der Lösungsansatz technisch funktioniert und ob jemand bereit wäre, dafür zu bezahlen. Später kommen Lieferfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und die Voraussetzungen des Wachstums hinzu. Jede Stufe braucht klare Anforderungen und die Möglichkeit, den Versuch zu beenden. So entsteht eine kontrollierte Erkundung, deren Finanzierung mit dem gewonnenen Wissen wachsen kann.

Das bestehende Geschäft gehört ebenfalls in diese Prüfung. Es besitzt historische Erträge und eingespielte Verfahren, aber seine Zukunft bleibt ebenso ungewiss wie die des neuen Vorhabens. Ein fairer Vergleich muss daher auch untersuchen, was die Fortsetzung kostet, welche Abhängigkeiten sie erzeugt und wie sich veränderte Kundenbedürfnisse auswirken könnten. Sonst trägt die Neuerung die gesamte Beweislast, während der Bestand seine Annahmen als Tatsachen behandeln darf.

Gegenrede braucht Folgen

Die Idee einer Hofnarr-KI erhält unter diesem Blick eine präzisere Aufgabe. Ein System könnte etablierte Annahmen angreifen, unberücksichtigte Kundenperspektiven einbringen und den Vorstand mit Gegenentwürfen konfrontieren. Das wäre zunächst eine Hilfe bei der Vorbereitung. Ihre Wirkung hinge davon ab, was nach der Provokation geschieht. Eine Organisation kann sich mit originellen Gegenargumenten unterhalten lassen und anschließend unverändert weiterarbeiten.

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Deshalb müsste jede ernsthafte Gegenrede eine organisatorische Anschlussmöglichkeit erhalten. Ein Einwand kann eine zusätzliche Kundenbefragung auslösen, eine Annahme in der Investitionsrechnung verändern oder einen begrenzten Versuch rechtfertigen. Jemand muss dafür Verantwortung übernehmen dürfen. Bleibt diese Verbindung aus, wird der Hofnarr zum Programmpunkt einer Sitzung, deren Entscheidungen weiterhin nach den alten Regeln fallen.

Für Beschäftigte gilt das ebenso. Wer unternehmerisches Verhalten erwartet, sollte festlegen, wie begründete Abweichungen behandelt werden. Ein Team muss eine unergiebige Routine infrage stellen können, ohne bereits durch den Verstoß gegen diese Routine als erfolglos zu gelten. Das verlangt keine allgemeine Regellosigkeit. Es verlangt eine erkennbare Zuständigkeit für die Veränderung von Regeln.

Die nächste Führungsfrage beginnt vor der Freigabe

Aus Schumpeter folgt damit ein anderer Auftrag für das Management. Die Leitung muss das bestehende Geschäft verlässlich führen und zugleich Verfahren schaffen, in denen seine Voraussetzungen überprüft werden können. Das verlangt Distanz zum eigenen Erfolg. Eine Organisation hat ihre Routinen aus guten Gründen entwickelt; gerade deshalb kann es schwerfallen, ihre begrenzte Gültigkeit zu erkennen.

Künstliche Intelligenz verschärft diese Aufgabe in beide Richtungen. Sie kann Fachwissen verbinden, Suchkosten senken und Versuche ermöglichen, für die zuvor Ressourcen fehlten. Sie kann ebenso die vorhandene Ordnung so bequem machen, dass kaum noch jemand einen Anlass sieht, ihre Zwecke zu prüfen. Der Unterschied liegt in der Verwendung und in den Entscheidungsrechten, die sie begleitet.

Die Fabrik im Kopf beginnt dort, wo Menschen die Bedingungen ihrer Arbeit für Naturgesetze halten. Schumpeter zeigt, dass auch die Unternehmensspitze darin wohnen kann. Der Vorstand hat dann Zugriff auf unzählige Informationen und erhält ausgezeichnete Vorlagen. Seine unternehmerische Leistung entscheidet sich daran, ob er noch Fragen zulässt, für die der Apparat bisher weder eine Zuständigkeit noch eine Kennzahl kennt.

Die nächste Probe einer KI-Strategie könnte deshalb lauten: Welche bisher blockierte Möglichkeit hat dieses Unternehmen tatsächlich erprobt? Die Antwort müsste von Kunden, veränderten Leistungen und neu eingesetzten Ressourcen handeln. Beschränkt sie sich auf schnellere Berichte und kürzere Freigaben, hat die Organisation zunächst ihre Verwaltung verbessert. Schumpeters anspruchsvollere Frage bleibt auf dem Tisch: Wer besitzt hier noch die Mittel und die Freiheit, etwas anderes zu unternehmen?

Die Texte hinter dem Ansatz

Der Ausgangspunkt ist Joseph Schumpeters „Der Unternehmer in der Volkswirtschaft von heute“, veröffentlicht 1929 in Bernhard Harms’ Sammelband „Strukturwandlungen der Deutschen Volkswirtschaft“. Die von Lisa Herzog und Axel Honneth herausgegebenen „Schriften zur Ökonomie und Soziologie“ enthalten den Aufsatz auf den Seiten 78 bis 102; die Passage zur bürokratisierten Willensbildung steht auf den Seiten 92 f. Ergänzend führen Schumpeters Skizze „Entwicklung“ von 1932 und das Kapitel „Das Veralten der Unternehmerfunktion“ in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ in die Spannung zwischen unternehmerischer Erneuerung und organisiertem Fortschritt hinein. Die Übertragung auf KI, Entscheidungsrechte und betriebliche Versuchsräume ist der hier entwickelte Ansatz.

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