Das Gesundheitssystem wird ohne Digitalisierung kollabieren

von Ingo Steinhaus
29. April 2021

„Das Gesundheitssystem wird kollabieren, wenn Digitalisierung nicht die unterschiedlichen Medien- und Systembrüche beseitigt”, warnt Harald Henn, Geschäftsführer der Marketing Resultant GmbH. Digitale Plattformen und Ökosysteme können dieses Risiko vermeiden, sie müssen aber mit einer offenen Strategie entwickelt werden und eine patientenzentrierte Medizin verwirklichen.

"Patienten sollten in der Lage sein, ihre eigenen Vitaldaten mit Smartphones und Wearables zu erheben.“

Harald Henn

Noch ist der Plattformmarkt jung

Digitale Plattformen bilden das Fundament für die patientenorientierte Medizin. Wer sind im deutschen Gesundheitssystem die großen Player?

Die Krankenkassen haben im Plattformgeschäft eine starke Position. Sie haben vielfältige Informationen zu ihren Mitgliedern, über Ärzte, Therapien und Abrechnungsdaten. Deshalb entwickeln die meisten größeren Kassen eine eigene digitale Gesundheitsplattform. Sie richten sich aber nicht nur an Mitglieder, auch an Kliniken oder Ärzte, mit denen sie abrechnen. Diese Plattformen sind also kassenzentriert. Der Patient steht dabei nicht im Zentrum, er spielt eine Nebenrolle.

Andere Initiativen gibt es von Apotheken-Ketten oder unabhängigen Softwarehäusern wie CGM in Koblenz oder der Vitagroup in Mannheim. Zudem gibt es Startups wie Famedly, die eine beispielhafte dezentrale Plattform aufgebaut haben. Sie bilden viele mögliche Kundenreisen ab und bieten Schnittstellen zu unterschiedlichen Systemen – eine wichtige Voraussetzung für die patientenzentrierte Medizin.

Noch ist dieser Markt sehr jung, so dass noch längere Zeit unterschiedliche Plattformen und Ökosysteme nebeneinander bestehen werden. Es wird aber Verbindungen zwischen den verschiedenen Systemen geben, sodass die Kundenreise im Gesundheitssystem völlig digital sein kann. Patienten bekommen dann ihre Röntgenbilder, Rezepte oder Kostenpläne digital und können sie an andere Akteure weiterleiten.

Da wir noch nicht genau wissen, welche Plattformen dominieren werden, sollten alle Lösungen mit einer möglichst offenen Strategie entwickelt werden. So werden in naher Zukunft Patienten sagen: Ich bin auf Plattform A, weil ich es vorteilhaft finde. Und der Arzt sagt dann: Kein Problem, sie können auch darüber Daten mit mir austauschen – sie sind immer noch mein Kunde.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Trendbook Smarter Health. Wenn Sie mehr erfahren wollen, können Sie es als kostenloses E-Book herunterladen.

Medien- und Systembrüche beseitigen

Patientenzentrierte Medizin basiert auf Daten und ihrem Austausch, häufig mit dem Smartphone. Wie ist da die Entwicklung?

Patientenzentrierte Medizin bedeutet: Patienten sollen in der Lage sein, Vitaldaten mit Smartphones und Wearables zu erheben. Das geht oft recht einfach, etwa bei Insulinwerten, Pulsfrequenz, EKG, Sauerstoffsättigung und anderem. Für bestimmte andere Informationen wie beispielsweise den Daten von bildgebenden Verfahren gibt es dann Spezialisten wie Röntgenärzte.

Die wiederum senden ihre Daten über normierte Schnittstellen an den, der sie gerade benötigt – etwa der Facharzt für Orthopädie. Anschließend gehen sie an eine Klinik für eine OP-Vorbereitung und zum Schluss die Krankenkasse. Damit ein solches System funktioniert, müssen alle unterschiedlichen Datenlieferanten, Sensoren und Messsysteme miteinander vernetzt werden.

In dieser digitalen Vision einer patientenzentrierten Medizin sind alle unterschiedlichen Medien- und Systembrüche beseitigt. Dieses Ziel muss unbedingt erreicht werden. Es besteht die Gefahr, dass unser Gesundheitssystem sonst über kurz oder lang alleine durch die Kosten kollabieren wird.

"Leider gibt es oft eine enorme Diskrepanz zwischen dem, was die Kunden wirklich wollen und was die Unternehmen glauben, was ihre Kunden wollen.“

Harald Henn

Patientenzentrierte Medizin erreichen

Welche Rolle spielt die Medizintechnik bei dieser Vision einer patientenzentrierten Medizin?

Die Hersteller von Medizintechnik haben als erste die Rolle von Customer Experience und Customer Empowerment in der patientenzentrierten Medizin begriffen. Das klassische Beispiel ist das Messen von Insulinwerten. Von der Volkskrankheit Diabetes sind in Deutschland einige Millionen Menschen betroffen. Customer Experience und patientenzentrierte Medizin heißt in diesem Fall: Der Blutzuckerwert wird nicht invasiv mit dem „Piekser” ermittelt, sondern mit einem kleinen, am Körper tragbaren Gerät. Das sendet Echtzeitdaten, die vom Smartphone das Patienten empfangen werden. Der Patient kennt also jederzeit seine Blutwerte, die früher nur dem Arzt bekannt waren.

Dadurch haben die Hersteller die Möglichkeit, mit einer App ein Frühwarnsystem zu etablieren. Der Patient wird gewarnt, wenn seine Werte sich einem kritischen Bereich nähern. Darüber hinaus können sie direkt an den Hausarzt oder einen Notarzt gesendet werden. Wer sich durch solche Apps gut betreut fühlt, hat keinen Grund, das System zu wechseln. Entscheidend ist dafür ein gutes Verständnis der Customer Journey.

Leider gibt es oft eine enorme Diskrepanz zwischen dem, was die Kunden wirklich wollen und was die Unternehmen glauben, was ihre Kunden wollen – und wer ihre Kunden eigentlich sind. So richten sich viele Hersteller-Websites an Mediziner, doch die Kunden wollen sich dort über den Umgang mit den Geräten informieren. Wer die Customer Journey anpasst und diese Infos anbietet, gewinnt mehr Kunden

Das Interview ist ein Auszug aus dem Trendbook Smarter Health. Wenn Sie mehr erfahren wollen, können Sie es als kostenloses E-Book herunterladen.

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