Agile Skalierung: In 30 Tagen von Null bis Markteintritt

Agile Skalierung: In 30 Tagen von Null bis Markteintritt

von Bernhard Steimel 7. Mai 2018

Das von Christian Strobl in Berlin mitgegründete Startup Hackerbay ist eine On-Demand-Entwicklungsplattform. Wer eine Idee für eine App hat, kann auf hackerbay.com ein Festpreisangebot einholen. Die App wird dann von Freelancern entwickelt. Dahinter steckt zum einen der Crowdsourcing-Gedanke und zum anderen haben Entwickler die Möglichkeit, weltweit Aufträge anzunehmen und dabei zu jeder Zeit und an jedem Ort zu arbeiten. Seit Mai 2016 ist das Unternehmen in San Francisco angesiedelt, da sich ein renommierter Investor in den USA daran beteiligt hat.

„In Deutschland ist der Hacker in der Regel jemand, der Bösartiges tut. Es ist jemand, den man kontrollieren muss, jemand, der sein Talent grundsätzlich immer schlecht nutzt, nämlich dafür, um Sicherheitslücken auszunutzen, um digitale Banküberfälle zu machen und ein Rebell zu sein.“ (Interview mit Christian Strobl)

Innovation von unten: Go the Hacker Way

Das Bild des Hackers in den USA ist dagegen deutlich positiver. So wurde beispielsweise bei Facebook der sogenannte Hackathon erfunden. Das war im Ursprung ein 24-Stunden-Event, die ersten Facebook-Recruiting-Veran- staltungen. Die Facebook-Führung hat gesagt: „Wir treffen uns bei Pizza und Bier am Wochenende und bauen coole Sachen. Die präsentieren wir, weil uns Technik interessiert und weil wir eine Leidenschaft dafür haben.“ Diesen Geist hat sich Facebook bis heute erhalten, unter anderem sichtbar an der Straßenadresse von Facebook: Hacker Way 1.

Besonders innovativ daran ist die Kombination aus Experimentier-Platt- form und Hacking. Die Produktentwicklung bei Facebook läuft ungefähr so: Auf einem Hackathon wird in kurzer Zeit ein neues Produkt entwickelt, bei Facebook mit einer ausgewählten Gruppe von vielleicht 10.000 Anwendern gelauncht und getestet. Die Entwickler prüfen, ob es den Anwendern einen Mehrwert bringt und sie längere Zeit mit dem Produkt verbringen. Aus der Datenanalyse wird dann der Vorteil für das Unternehmen berechnet und im Erfolgsfall bekommt dieses Produkt mehr Budget.

Agile Skalierung: In 30 Tagen von Null bis Markteintritt

Foto: facebook

Dieses Prinzip der Innovation von unten hat viele Vorteile: Das Unter- nehmen wird dadurch in der Produktentwicklung dezentraler und kann deutlich mehr Ideen generieren. Darüber hinaus wird das Unternehmen offener, demokratischer und motivierender für die Entwickler. In diese interne Experimentier-Plattform sind in einem längeren Optimierungsprozess Millionen Dollar hineingeflossen. Dadurch kann wirklich jeder einzelne Entwickler und Techniker bei Facebook ein neues Produkt erzeugen und in den Rahmen des Hauptproduktes einfügen. Das ist möglich, ohne nach Berechtigungen zu fragen und gleichzeitig, ohne das Hauptprodukt und den laufenden Betrieb zu beschädigen.

Kernaufgabe von Hackerbay ist das Rapid Prototyping mit dem Ziel der Entwicklung eines funktionsfähigen und skalierbaren Produkts, das dem Kunden vorgeführt werden kann. Dabei setzt das Unternehmen auf Automatisierung, um möglichst günstige Preise anbieten zu können und den Experimentalcharakter zu betonen. Denn bei günstigen Preisen und kurzen Entwicklungszyklen ist das Scheitern eines Prototypen eher zu verkraften.

„Wir raten Unternehmen, so schnell wie möglich mit einem Produkt in den Markt zu gehen. Dies hat einen einzigen Grund: Die Unternehmen müssen möglichst frühzeitig Kontakt zu den Kunden bekommen und herausfinden, ob sie auch das richtige Produkt entwickeln.“ (Interview mit Christian Strobl)

Experimentier-Plattformen brauchen Freiräume

Diese Vorgehensweise ist grundsätzlich auch in Deutschland möglich, denn es gibt hier ebenso viele Tech-Talente wie im Rest der Welt. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen Leuten, die programmieren – was jeder lernen kann – und Leuten mit tatsächlichem Einfluss. Letztere sind die eigentlichen Talente, die als einzelne Personen sehr viel mehr erreichen können als andere, weil sie brillant im Einsatz der Technologie sind.

Hinzu kommt, dass ein echtes Talent auch eine gewisse Leidenschaft und Motivation benötigt. Ein großes Problem in Deutschland ist aus Sicht eines typischen Hackers die Tatsache, dass das Management ungünstige Entscheidungen trifft, die bei den Talenten Frustration erzeugen. Diese Entscheidungen sind häufig rational aus Sicht des Managements, behindern aber eine freie Produktentwicklung. Ein Beispiel ist der Datenschutz. Er muss in jedem Produkt berücksichtigt werden und schlägt sich unter anderem in bestimmten Regeln nieder – etwa dass ein Hosting nur in Deutschland möglich ist oder zwingend eine eigene Server-Infrastruktur genutzt werden muss.

In einem typischen Silicon-Valley-Unternehmen müssen sich die Entwickler meist nicht mit solchen Fragen beschäftigen und können einfach ohne Vorgaben vom Management beliebige Anbieter wie AWS oder Digital Ocean Instant einsetzen. Dadurch können sich die Entwickler hundertprozentig auf die Innovation fokussieren. Diese Beschränkungen werden auch vermehrt in traditionellen Unternehmen gesehen: Seit etwa Anfang 2016 ist ein großes Interesse an Hackathons entstanden – auch bei Unter- nehmen aus dem DAX30. Viele Unternehmen prüfen dieses neue Innovationsformat im Rahmen der digitalen Transformation.

Hackathons als Beschleuniger der Produktentwicklung

Wir reden seit 30 Jahren über smarte, vernetzte Dinge und meistens handelt sich dabei um Sachen, die kein Mensch braucht. Das Problem: Es wird viel zu selten an den Kunden gedacht – was er sinnvoll nutzen kann und will. Ein gutes Beispiel dafür ist der legendäre Internet-Kühlschrank, der bereits ein gutes Vierteljahrhundert alt ist. Die Hersteller müssen dringend ihre Strategie ändern und mit ihren Produkten die einfach wirkende Frage beantworten: „Warum sollte ein Kunde dieses Produkt nutzen?“

Agile Skalierung: In 30 Tagen von Null bis Markteintritt

Foto: Tim Detroit

Leider sind die meisten Smart-Home-Lösungen noch nicht gut genug für den Massenmarkt, sondern lediglich für Technikfans und Early Adopter geeignet. Diese Situation wird sich nur dann ändern, wenn die Hersteller und Anbieter die Bedürfnisse und Wünsche einer möglichst großen Zahl von Kunden berücksichtigen. Der Weg dorthin sollte mit „Explore and Learn“ beginnen. Es ist sehr wichtig, dass alle mit Services und Produkten befassten Personen sie selbst einsetzen, damit herumspielen, ihre Möglichkeiten und Grenzen ausloten und versuchen, sie auf experimentelle Weise in neuen Kontexten einzusetzen. Ein Beispiel: Ein Fenster- bzw. Türen-Sensor kann auch in den Briefkasten eingebaut werden, um über die eintreffende Post zu informieren.

Vereinfacht ausgedrückt, müssen Entwickler die Möglichkeit bekommen, zu experimentieren, um neue Anwendungsbereiche für die vorhandene Technologie zu erschließen. Darüber hinaus ist es wichtig, auf die Kunden zu hören. Einige von ihnen werden zu Entwicklern, um mit den vorhandenen Systemen ihre Wünsche zu erfüllen. Und manchen gelingen sogar recht innovative Lösungen, deren Übernahme Services und Produkte eines Unternehmens weiterbringen können. Sie werden dadurch zu Prosumern, die nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren. In gewisser Hinsicht ist es für alle Unternehmen empfehlenswert, diese Dinge zu institutionalisieren. Dazu sollten in einem ersten Schritt die Lösungen und die Software als Open Source freigegeben werden, so dass interessierte Anwender nicht vor einer Blackbox stehen, sondern einerseits den Code nachvollziehen können und ihn andererseits ergänzen, korrigieren und in andere Projekte einbauen können – im Rahmen der jeweils genutzten Open Source Lizenz.

Der zweite Schritt ist die Veranstaltung von Hackathons und ähnlichen Formaten. Grundsätzlich ist ein Hackathon eine Veranstaltung zur kooperativen Entwicklung von Hardware und Software. Die Entwickler arbeiten dabei beispielsweise ein Wochenende lang an einem Projekt, das vom Veranstalter vorgegeben wird. Das Ziel ist dabei, während der Veranstaltung gemeinsam im Team vorzeigbare Ergebnisse zu produzieren. Ein Nebeneffekt ist das Networking. Die Veranstalter können Kontakte zu Anwendern, Prosumern, Makern und Softwareentwicklern bekommen. Dadurch erhalten sie interessante Einblicke in die Art und Weise, wie Anwender ihre Produkte und Services nutzen und bekommen im Idealfall wertvolle Ideen für die Erweiterung der Produktpalette.

Hackathons sind in aller Regel als Wettbewerb organisiert und enden mit der Entscheidung der Jury und anschließender Preisverleihung.

„Die Unternehmen sind begeistert, waren am Wochenende innovativ und haben schöne Fotos gemacht. Aber um ein Produkt zur Marktreife zu bringen, ist noch einmal sehr viel Disziplin und Struktur nötig.“ (Interview mit Christian Strobl)

Um kein Potenzial zu verschenken, sollten Unternehmen die Offenheit und Unvoreingenommenheit des Hackathon-Ansatzes weiter pflegen. Dass dadurch innovative und oft auch verblüffende Lösungen entstehen, zeigt das Fallbeispiel Twitter.

Twitter messen: Geht nicht gibt’s nicht

Das Twitter-Marketing in Europa wollte für europäische Youtuber einen Wettbewerb ausrichten. Sie sollten ihren Followern sagen: Retweete mich auf Twitter und wer die meisten Retweets hat, bekommt ein Emoji. Das Problem dabei: Mit der Twitter-API musste gemessen werden, wie viele Retweets jeder Youtuber hat. Das ist keine einfache Aufgabe, denn erfolgreiche Youtuber haben hunderttausende oder sogar mehr als eine Million Follower.

Die auch bei Twitter übliche Vorgehensweise ist der Einsatz einer entsprechenden Agentur, die das Entwicklungsprojekt anhand von Requirements aufsetzt und managt. Dazu musste allerdings die Twitter-Zentrale in San Francisco einen speziellen Datenzugriff für diese Agentur liefern. Aus internen Gründen ging das nicht, so dass die Agentur das Projekt abgebrochen hat.

Hackerbay dagegen hat das Projekt gestemmt, da die Entwickler gesagt haben: „Es gibt immer eine technische Lösung, die finden wir und dann holen wir das Beste heraus.“ Am Ende wurde in wenigen Tagen und Nächten eine verteilte Software entwickelt, die mithilfe von 40 parallel arbeitenden Servern die entsprechenden Angaben aus der öffentlichen Twitter-API ausgelesen haben und das Problem lösen konnten.


Ein Auszug aus dem neuen Praxisleitfaden „Internet der Dinge“, der kostenlos zum Download zur Verfügung steht.

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