Drei Fragen an Christian Grotemeier

von Bernhard Steimel
16. Dezember 2020
Christian Grotemeier

Digitalisierung gibt den deutschen Logistikunternehmen Chancen für neue Geschäftsmodelle, meint Dr. Christian Grotemeier, Geschäftsführer der BVL.digital GmbH. Dafür müssen sie ihren Vorteil ausspielen: Die Kundennähe.

Die Lage der Logistik ist uneinheitlich. Transporte im Handel boomen, während Luftfracht noch ein Problem ist. Wie kommen Logistikunternehmen wieder auf den Wachstumspfad?

Dieser Weg beginnt bei der produzierenden Industrie. Die muss ihre Supply Chain genau unter die Lupe nehmen und dabei mit der Logistikbranche zusammenarbeiten. Es geht um Fragen wie: Haben wir Dual Sourcing? Wie eng sind unsere Lieferketten? Wie viel Bestand haben wir? Wie schnell kann er steigen? Welche Risiken können wir senken, welche nicht?

In Zusammenarbeit mit Logistikern können die Fertiger die Transparenz der Lieferkette erhöhen, etwa durch IoT­-Lösungen für Track & Trace. Dafür müssen entweder die Produkte selbst oder Paletten und Container in Echtzeit weltweit auffindbar sein. So sind Verzögerungen in der Lieferkette rasch erkennbar. Das zieht den ver- stärkten Aufbau von Plattformen nach sich, auf denen die Unter- nehmen der Supply Chain zusammenarbeiten.

Aber nicht jeder kann Plattformanbieter werden, allein schon mangels Größe und Investitionskraft. Welche Möglichkeiten haben diese Unternehmen?

Der Vorteil vieler Logistiker gegenüber Plattformanbietern: Sie haben in einer speziellen Branche ein großes Prozessverständnis, bis hinein in den operativen Betrieb. Dieses Know­how kann ein reines Digitalunternehmen gar nicht haben und sich auch nur sehr schwer verschaffen. Die Logistiker können dies ihren Verladern als Differenzierungsmerkmal anbieten und mit IT-Dienstleistungen unterfüttern.

Ein zweites Unterscheidungsmerkmal sind Software und Daten. Unternehmen, die in diesen Bereichen aktiv sind, haben größere Margen als ihre Konkurrenten, die nur transportieren. Einige Logistikanbieter verkaufen Erkenntnisse aus ihren Daten, beispielsweise Resilience 360. Die DHL­Tochter bietet Daten für das Supply Chain Risk Management. Das sind zum Beispiel Informationen über die Wettersituation auf Flug­ und Schifffahrtsrouten, aber auch über die Entwicklung der Corona-Pandemie.

Wie wirkt sich die Krise auf die Digitalisierung aus? Wird sie gestärkt oder mangels Kapitals eher geschwächt?

Umfassende Digitalisierungsprojekte treten wegen der hohen Investitionen sicher etwas in den Hintergrund. Doch es gibt auch weniger aufwändige Bereiche. So ist Homeoffice keine Frage mehr. Die Mehrheit der Unternehmen erkennt die Vorteile – auch im Recruiting. Hinter dem Beharren auf Anwesenheit steht meiner Meinung nach ein Führungsproblem: Die Kompetenzen für „Remote­Führung” sind nicht stark genug ausgeprägt.

Daneben gibt es andere wichtige Themen. Mit dem elektronischen Lieferschein lassen sich rasch Effizienzgewinne erzeugen. Dies gilt auch für Robotic Process Automation (RPA), dass ein geringes Investitionsvolumen hat und innerhalb der Unternehmen sehr nützlich ist. Eine Chance sind außerdem Überlegungen, wieder verstärkt auf Lagerhaltung zu setzen. Da der Immobilienmarkt angespannt ist, gibt es einen großen Bedarf an Optimierung der vorhandenen Lagerkapazitäten – ein wachsender Bereich der Digitalisierung.


Dies ist ein Auszug aus unserer neuen Studie „Trendbook Smarter Logistics – Wie sich die Logistik digital transformiert“. Hier geht‘s zum Download.

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