Ökosysteme in der Gesundheitsökonomie

von Bernhard Steimel
15. Juni 2021

Die Akteure in der Gesundheitsbranche müssen ihre Geschäfte auf den Nutzer (Kunden oder Patienten) ausrichten. Ziel ist eine individuelle Medizin, die mit Vernetzung, Datenerhebung und Serviceorientierung erreicht wird. Dafür müssen sie kooperieren, um die jeweils beste Benutzererfahrung zu bieten. Ein Mittel dafür sind Plattformen, die zu Ökosystemen ausgebaut werden – mit hohem Erfolgspotential, wie das Beispiel Apple zeigt.

Health-Apps, Smartphone und Medizintechnik bilden ein erfolgreiches Ökosystem

Der digitale B2C-Markt kennt viele erfolgreiche Plattformen und Ökosysteme. Apple ist ein gutes Beispiel, auch für den Gesundheitsmarkt: Der iPhone-Käufer erhält alles aus einer Hand, Drittanbieter erweitern die Nutzerfahrung mit exklusiven Apps und Zusatz-Hardware vom Fitness-Armband bis zum EKG.

Für Anbieter ist der Einstieg ins Ökosystem attraktiv, da Apple viele Kunden besitzt und damit hohe Umsätze ermöglicht. Generell wachsen Ökosysteme am stärksten durch Netzwerkeffekte: Viele potenzielle Kunden ziehen viele Anbieter an, die wiederum ein größeres Interesse bei den Kunden erzeugen und das Ökosystem weiter vergrößern.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem „Trendbook Smarter Health“. Einen Überblick über den Inhalt gibt der Artikel Der Weg in einer nutzerzentrierte Medizin. Sie können das Trendbook außerdem direkt kostenlos herunterladen.

Ökosysteme: Demokratisierung der besten Behandlung

Patienten haben im deutschen Gesundheitssystem nur wenig Transparenz: Sie kennen meist nicht den besten Arzt oder die beste Behandlungsmethode, werden nur schlecht über die Bedeutung von Diagnosen und Therapien informiert und müssen Konsultationen umständlich anmelden – und dabei oft weite Wege zurücklegen.

Digitale Plattformen vermitteln zwischen unterschiedlichen Akteuren in einer Branche. Sie erzeugen Transparenz für den Patienten und sind die Basis einer Plattformökonomie in der Gesundheitsbranche. Durch den Anschluss weiterer Akteure entsteht ein digitales Ökosystem: Eine Gruppe gemeinsam agierender HealthCare-Organisationen, die untereinander Informationen austauschen.

Ein offenes Ökosystem für die Medizin
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Das Startup Famedly baut ein digitales Ökosystem auf und verfolgt dabei einen offenen und dezentralen Ansatz. Durch frei verfügbare Open-Source-Schnittstellen können beliebige HealthCare-Unternehmen verknüpft werden – es entsteht kein abgeschottetes System wie das beispielsweise beim iPhone der Fall ist. Kern der Lösung ist der sichere und verschlüsselte Austausch von Gesundheitsdaten, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten.

Aus der Sicht eines Patienten ist ein digitales Ökosystem ein hilfreiches Werkzeug, mit dem Ärzte gesucht und konsultiert, Medikamente ausgewählt und bestellt sowie zusätzliche Ratschläge eingeholt werden können. Im Idealfall begleitet es den Patienten zunächst durch Prävention und Früherkennung von Krankheiten, den eigenen Prozess der Diagnose und Therapie sowie bis hin zur Nachsorge.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Trendbook Smarter Health. Wenn Sie mehr erfahren wollen, können Sie es als kostenloses E-Book herunterladen.

Die elektronische Patientenakte

Grundvoraussetzung für den Aufbau eines Ökosystems sind Datenflüsse. da im Gesundheitswesen persönliche Daten verarbeitet werden, gibt es einige spezifische technische Voraussetzungen. Wichtig ist vor allem ein Gesundheitskonto, im deutschen Gesundheitssystem also die Elektronische Patientenakte, wie sie von der Gematik GmbH umgesetzt wird.

Dieses digitale Patientenkonto ist der Anker für die Beziehung zwischen allen Akteuren, also Patienten, Einrichtungen und der Krankenkasse. Sie wird ergänzt durch eÜberweisungen und eRezepte, also die digitalen Alternativen der jeweiligen Papierformulare.

Entscheidend für den Aufbau eines leistungsfähigen Datenflusses sind Programmierschnittstellen sogenannte Application Programming Interfaces, kurz API. Sie ermöglichen es beliebigen Anwendungen untereinander Daten auszutauschen. In der Gesundheitsbranche entwickeln Innovatoren mit APIs neuartige, smarte Services und Produkte. In erster Linie sind das flinke Digitalunternehmen, die sehr stark die Bedürfnisse des Verbrauchers in der Gesundheitsbranche in den Blick nehmen.

Strategischer Aufbau eines Ökosystems
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Das Startup Health Navigator arbeitet an entscheidenden Schnittstellen im Gesundheitswesen und bietet eine Integrationsplattform für telemedizinische Anwendungen: Sie sorgt mit ihrer API dafür, dass Digitalpraxis, Online-Apotheke und Krankenversicherung Hand in Hand arbeiten. Dieses Konmzept hat das Interesse von Amazon geweckt. Der Kauf dieses Startups ist ein neues Beispiel für das strategische Vorgehen von Amazon beim Ausbau seines Ökosystems für die Gesundheitsversorgung, Amazon Care.

Bereits 2018 hatte Amazon das Patent für ein KI-gestütztes Diagnosesystem erhalten, mit dem der Sprachassistent Alexa Krankheitssysteme wie Husten oder einen trockenen Hals sowie Anzeichen ernsthafter Erkrankungen erkennen kann. Anschließend erhält der Verbraucher freiverkäufliche Medikamente angeboten. Mit dem Health Navigator will Amazon seine bisherigen Insellösungen (Arzneimittelversand, Amazon Care, Alexa) zu einem integrierten Ökosystem verbinden, das Daten entlang der gesamten „Patient Journey“ zusammenführt.

Datensouveränität als Basis eines Ökosystems

An Gesundheitsdaten haben viele Akteure großes Interesse. Deshalb stellt sich die Frage, wem die Daten gehören: Dem Patienten? Dem Unternehmen? Oder der gesamten Gesellschaft? Für den Chirurgen und Digitalisierungsexperten André T. Nemat ist die Antwort klar: Er fordert die Datensouveränität jedes einzelnen Bürgers.

"Mit dem Begriff Datensouveränität meine ich, dass jeder bestimmen kann, wer seine persönlichen Daten zu welchem Zweck erhebt. Sie gehören der Person und sie kann frei entscheiden, wem sie diese Daten zur Verfügung stellt. Sie könnte ihre Daten verkaufen, der Forschung spenden oder sie einfach nur irgendwo horten. Es gehört zur persönlichen Freiheit, mit seinen Daten souverän umgehen zu können. Und bei sehr privaten Daten wie dem eigenen Genom oder Behandlungsdaten zu einer Krankheit könnte die Person dann auch sagen: Nein, diese Daten gebe ich nicht weiter.“

André T. Nemat, Institute for Digital Transformation in Healthcare, Uni Witten/Herdecke

Das Interview ist ein Auszug aus dem Trendbook Smarter Health. Wenn Sie mehr erfahren wollen, können Sie es als kostenloses E-Book herunterladen.

Die Corona-Krise hat der Digitalisierung im Gesundheitssystem einen Schub gegeben, vor allem in der Telemedizin in den Arztpraxen. Wie sind ihre Erfahrungen? Welche digitalen Tools nutzen Ihre Ärzte? Welche Sie selbst? Schreiben Sie uns oder hinterlassen Sie einen Kommentar.

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