Nutzt hier eigentlich jemand Siri? Deutscher Sprachtechnologietag 2013

Nutzt hier eigentlich jemand Siri?

von Manja Baudis 6. Februar 2013

Deutscher Sprachtechnologietag 2013

„Nutzt hier eigentlich jemand Siri?“ So eine der Fragen vom Moderator an das Publikum des Deutschen Sprachtechnologietages vorletzte Woche in Berlin.

Und? Es waren keine erhobenen Hände zu sehen. Dafür aber jede Menge i- und sonstige Smartphones – die sich mittlerweile fast alle mehr oder weniger auch per gesprochener Sprache bedienen lassen.

Hier aber wurden sie vermehrt nur in die Höhe gehalten oder ruhten auf den übereinander geschlagenen Beinen und es wurde getippt, gewischt und gescrollt.

Was also war los am Tag der Sprachtechnologie? Ein Saal voller Speech-Tech-Experten, Vorträge, die den innovationsfördernden Impuls von Spracherkennung zelebrieren. Aber keiner nutzt Siri?

Es ging um Europa und Europas Sprachen und darum, dieser Vielfältigkeit automatisch und mit technischer Hilfe Herr zu werden. Die Europäische Kommission, vertreten durch Márta Nagy-Rothengass, erläuterte in der Eröffnungsrede denn auch, warum die EU die Expertise und die Technologien der Branche benötigt, welche Projekte schon laufen und wo das ganze hingehen soll.
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Es folgten Grußworte eines Abgesandten von Herrn Rösler: Andreas Goerdeler vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sprach über Smart Home – das wir leider noch nicht haben und weshalb wir uns noch immer mit zu vielen Fernbedienungen herumschlagen, über smarte Consumer- und Business-Apps und erfolgreiche Projekte (Theseus) und Startups (SemVox).

Manfrede Stede, Professor für Angewandte Computerlinguistik an der Universität Potsdam, sprach von der maschinellen Übersetzung als „Säule der Sprachtechnologie“ – und die sei längst unter uns, den Unkenrufen aus den 60er Jahre zum Trotz:
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Hans Uszkoreit vom DFKI kam auf das schlagzeilenträchtige digitale Aussterben europäischer Sprachen zu sprechen. Hintergrund der Pressekampagne war die Studie „Europe’s Languages in the Digital Age“ europäischer Wissenschaftler, die den Stand der Sprachtechnologie für 30 der rund 80 europäischen Sprachen bewertet. Ergebnis der Studie: Mindestens 21 europäische Sprachen sind vom digitalen Aussterben bedroht.

Dokumentiert ist das Ganze in den 31 – online und gedruckt – erschienen Bänden der META-NET White Paper Serie: 31 Reports, die die sprachtechnologische Unterstützung einer Sprache in den vier Anwendungsgebieten automatische Übersetzung, Erkennung und Generierung gesprochener Sprache, Textanalyse und Verfügbarkeit von Sprachressourcen ausleuchtet.

Und die deutsche Sprache im digitalen Zeitalter: Wo stehen wir?
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„Sprachtechnologie ist eine Schlüsseltechnologie.“, so Uszkoreit weiter. „Die nächste Generation der IT wird den Nutzern besser angepasst sein: Sie wird Sprache, Wissen und Emotion verarbeiten können.“ Und welche Rolle spielen Europa und Deutschland bei dieser Entwicklung? Es gebe in Deutschland eine Starke Forschung, erklärte Uszkoreit. Hunderte von Firmen haben sich in dieser Branche entwickelt und die Hauptfiguren hinter Google Transite, LocalizationWorld und Trados seien Europäer und sehr oft Deutsche. Allerdings hat „Deutschland in der IT zu wenige Erfolgsgeschichten in der Kommerzialisierung.“

Genau darum ging es auch in der anschließenden Podiumsdiskussion „Verschlafen wir die Technologierevolution? Der Beitrag Deutschlands in der zukünftigen Entwicklung der Sprachtechnologie“ mit Vertretern aus Forschung, Wirtschaft und Politik.
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Die Quintessenz: Deutsche Gründer denken beim Start an ein Unternehmen für die Enkel und nicht an einen Exit in drei bis fünf Jahren. Wir brauchen also mehr Rocket Internet statt Existenzgründung in der Branche! Denn Geld zu bekommen ist meist nicht schwierig, allerdings bleibt der Exit dabei oft im Dunkeln. Und: Die SpeechTech-Branche braucht eine neue Innovations-Kultur! Forschung und Umsetzung müssen und sollten nicht getrennt sein. Zur Zeit wird noch zu oft an der Praxis vorbei entwickelt. Die Forschung darf nicht den Visionen der Industrie hinterherlaufen.

Auf die Frage nach dem nächsten großen Ding in der Sprachtechnologie gab es allerdings keine Antwort auf dem Podium!
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Beim Sprachtechnologie-Feuerwerk – zehnminütigen Beiträgen zu aktuellen Anwendungsbeispielen und Zukunftsvisionen – kamen diverse Forschungsinstitute und Unternehmen zu Wort. Dabei sorgte Gion Linder von swissTXT mit Beispielen aus der automatischen Live-Untertitelung von Fernsehsendungen für Lacher und überraschende Einblicke in das recht unbekannte Berufsbild des Respeakers.

Die Keynote kam von Ron Kaplan aus dem Hause Nuance.
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Die Beiträge, Präsentationen und Poster vom Deutschen Sprachtechnologietag stehen zum Download bereit.

4 Kommentare

gsohn 6. Februar 2013 at 9:26

Reblogged this on Vernetzt Euch! und kommentierte:

Thema Sprachsteuerung sollten wir mal in einer Blogger Camp-Session aufgreifen.

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detart 6. Februar 2013 at 21:27

Reblogged this on DETart Blog.

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detart 6. Februar 2013 at 21:32

Reblogged this on DETart Blog.

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detart 6. Februar 2013 at 21:40

Schöner Artikel! Zu dem Thema würde ich gern ausfūhrlich diskutieren. Gerade die in Berlin angesprochenen Themen wie „Forschung erreicht nicht den Mittelstand und die Industrie“ haben sicher Zūndstoff.

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