Der Angriff der Tech-Giganten und einer Armee von Digital Health Startups

Der Angriff der Tech-Giganten und einer Armee von Digital Health Startups

von Bernhard Steimel 9. November 2020

Die traditionellen Unternehmen der Branche werden wie in vielen Sektoren der Wirtschaft auch von branchenfremden Unternehmen angegriffen, den berühmten „Disruptoren”. Hier gibt es zwei Hauptangreifer: Erstens die bekannten Tech-Unternehmen wie Google, Apple, Facebook und Amazon aus dem Silicon Valley und Alibaba aus China. Zweitens ist das eine Armee aus Startups.

Der Angriff der Tech-Giganten und einer Armee von Digital Health Startups
Diese Healthcare-Startups sind bereits eine Milliarde Dollar wert – oder mehr (Quelle)

Beide Gruppen besitzen enorme Mengen an Kapital. Die Tech-Giganten sind die wertvollsten Unternehmen der Welt und hinter den Startups stehen Dutzende Risikokapitalisten (Venture Capitalists, VCs) mit sehr viel Geld. Laut CBInsights haben in diesem Jahr 150 Digital-Health-Startups insgesamt über 20 Milliarden Dollar an Finanzmitteln von mehr als 900 Einzelinvestoren erhalten. Innerhalb dieser Liste finden sich ein Dutzend so genannte „Einhörner” (Unternehmen mit einem Wert von über einer Milliarde Dollar).

Viele der großen neuen HealthTech-Unternehmen stammen aus den USA oder Asien. Doch auch in Europa und Deutschland gibt es Initiativen. So hat der Verband der Privaten Krankenversicherer einen eigenen Risiko-Kapitalfonds mit dem Namen „Heal Capital” gegründet. Im Mittelpunkt der Investments stehen digitale Gesundheitsanwendungen, Telemedizin, digitale Prävention und Digitalisierung der Pflege.

Die disruptiven Unternehmen greifen die Schnitt- stelle zum Patienten an, indem sie komfortable digitale Lösungen für die Gesundheit liefern, beispielsweise Gesundheitsplattformen, die ärztliche Fernversorgung und Medikamentenlieferungen anbieten (Ro) oder eine moderne, technologiegestützte Krankenversicherungsplattform (Oscar Health).

Sie nutzen dafür drei Ansatzpunkte, die bisher nur sehr schwach digitalisiert sind: Selbsthilfe und Vorsorge, digitale Plattformen für die medizinische Versorgung und Daten Drehscheiben für die Medizin.

Selbstvermessung, persönliches Gesundheitsmanagement mit Fitness Tracker & Co.

Der Angriff der Tech-Giganten und einer Armee von Digital Health Startups
Amazon Halo besteht aus einem mit Sensoren bestückten Armband und einer App (Quelle)

Viele Dutzend Apps und Gadgets wie die Apple Watch unterstützen Patienten dabei, Gesundheit und Fitness zu erhalten. Sie kombiniert integrierte Sensoren sowie den Zugriff auf das Apple iPhone für ein umfassendes, persönliches Gesundheitsmanagement.

So kann die Apple Watch beispielsweise als Pulsuhr arbeiten, um eine entsprechende Sport- oder Gesundheits-App zu unterstützen. Sie sind oft mit Coaching-Funktionen ausgerüstet, die den Patienten unterstützen. Viele Krankenkassen haben erkannt, dass Apps und Fitness-Tracker wie Fitbit, Sportuhren oder die Apple Watch zu einem gesunden Lebensstil motivieren: Sie geben den Versicherten Geld dazu.

Einige dieser Gadgets sind sehr leistungsfähig: Das Amazon Halo Band ermittelt Vitalfunktionen wie Puls und Hauttemperatur, kann aber auch die Stimme analysieren und beispielsweise Anspannung oder Stress feststellen.

Doch es gibt auch neuartige digitale Medizingeräte. So hat beispielsweise das Startup Element Science einen leichten, einfach am Körper zu tragenden Defibrillator entwickelt. Ein weiteres Beispiel: Das Startup Dental Monitoring hat eine problemlos zu transportierende und einfach zu benutzende Scanbox entwickelt, mit der Patienten den Fortschritt ihrer Invisalign-Zahnbehandlung jederzeit und an jedem Ort überprüfen können.

Digitale Plattformen für medizinische Versorgung

Das Arzt/Patienten-Verhältnis ist ein zweiter Angriffsvektor für die Tech-Unternehmen. Im Kern geht es darum, den Patienten die beste Behandlung auf einer Plattform zu vermitteln. Bei einer Plattform wie WeDoctor handelt es sich allerdings nicht um eine reine Werbeplattform wie Jameda, in der Ärzte auf sich und ihre Praxis aufmerksam machen. Die vom chinesischen Tech-Riesen Alibaba finanzierte Plattform geht deutlich weiter und nimmt den Arzt ebenfalls auf die Plattform.

Es handelt sich also um einen klassischen zweiseitigen Markt ähnlich Amazon Market Place. WeDoctor vermittelt zwischen Patienten und Ärzten und bietet auch entsprechende digitale Prozesse.

Letztlich geht es darum, die Hoheit über die Kundenbeziehung zu erhalten, der Patient soll sich in erster Linie via Plattform an einen Arzt wenden.

Der Angriff der Tech-Giganten und einer Armee von Digital Health Startups
Vorläufig ist Amazon Care nur für Mitarbeiter, doch das Konzept lässt sich leicht skalieren (Quelle)

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Amazon Care. Dabei handelt es sich um eine digitale Arztpraxis, die allerdings im Moment nur für die Angestellten von Amazon und ihre Angehörigen geöffnet ist. Mithilfe von Textchats und Video-Konsultationen können sich erkrankte Amazon-Mitarbeiter von Ärzten behandeln lassen. Optional kommt auch eine medizinische Fachkraft ins Haus, um beispielsweise Untersuchungen vor Ort durchzuführen. Auch Medikamente liefert der Service aus. Das Angebot lässt sich problemlos auf andere Nutzergruppen erweitern, ist aber noch stark an die Verhältnisse in den USA angepasst.

Daten-Drehscheiben für Medizindaten

Der dritte Angriffspunkt für HealthTech-Startups und Tech-Giganten sind Gesundheitsdaten und ihre Verarbeitung. Grundsätzlich gilt: Wer die Daten kontrolliert, der steuert das Gesundheitswesen. Das Ziel der Akteure in der Branche ist die Ausweitung ihres Ökosystems, also die Verknüpfung unterschiedlicher Akteure.

Mit der Google Cloud für das Gesundheitswesen hat der Silicon-Valley-Riese seine eigene Gesundheitsakte entwickelt, die alle möglichen Daten integrieren kann. Dazu gehört auch das Wearable Fitbit, das zu Google gehört. Auch der chinesische Google-Konkurrent Alibaba ist in diesen Bereich aktiv und bietet über eine All IP-Blockchain mehr Transparenz in der Lieferkette für Medikamente.


Dies ist ein Auszug aus unserer neuen Studie „Trendbook Smarter Health“. Hier geht‘s zum Download.

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Beiträge