Drei Fragen an Rahul Butta und Michael Waldbrenner

von Bernhard Steimel
2. Dezember 2020
Drei Fragen an Rahul Butta und Michael Waldbrenner

Immer mehr Patienten sind Digital Natives. Sie erwarten eine ganzheitliche Sicht auf ihre Behandlung,” sagen Rahul Butta, Senior Market Manager Healthcare International der Deutsche Telekom Healthcare & Security Solutions GmbH und Michael Waldbrenner, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Clinical Solutions GmbH. Häuser müssen darauf reagieren, mit Patientenportalen und der ganzheitlichen Organisation der Versorgung.

»Wir stehen bei der Digitalisierung in den Kliniken an vorletzter Stelle in Europa.«

Wie ist der Status der Digitalisierung der Kliniken? Wie viel Nachholbedarf gibt es?

Wir stehen bei der Digitalisierung in den Kliniken an vorletzter Stelle in Europa. Das können wir auf die Schnelle nicht aufholen. Ein Beispiel: Grundsätzlich können Kliniken Pflegeprozesse per App am Bett erfassen – heute schon. Doch meist ist das WLAN zu schwach und erfasst nicht die ganze Klinik.

Das heißt, das Management muss erst in Infrastruktur investieren. Anschließend ist dann aber kein Geld mehr für iPads übrig. Das System ist also deutlich unterfinanziert. Ein weiteres Problem sind wenig sinnvolle Vorgaben aus der Politik. Laut Gesetz dürfen Kliniken dem Patienten alle Gesundheitsdaten mitgeben – in der elektronische Patientenakte. De facto funktioniert das nicht, weil die Daten in verschiedenen Subsystemen zu finden
sind.

In Österreich funktioniert ELGA (Elektronische Gesundheitsakte) seit zehn Jahren. Dort wurde einfach losgelegt und anschließend reguliert. In Deutschland heißt es immer: Wir machen erst einmal Gesetze. Das dauert dann solange, bis die Anforderungen veraltet sind und damit die Software ebenfalls. Deshalb entwickeln viele Anbieter erst einmal für das Ausland und starten dort ihre Versuchsballons.

»Damit der Patient aktiv an seiner Behandlung teilnehmen kann, müssen alle Daten zusammengeführt werden.«

Und derweil preschen Tech-Unternehmen vor. Wird die patientenzentrierte Versorgung über den Umweg via Apple Watch und Amazon Halo eingeführt?

Es gibt auch in Deutschland gute Beispiele für Patientenzentrierung, trotz der auch im Gesundheitswesen verbreiteten Neigung, bei der Digitalisierung erst einmal die Risiken und nicht die Chancen zu sehen. Viele Kliniken sind aktiv dabei, Patienten in die Vorbereitung von Behandlungen und in die die Nachsorge einzubinden. Sie nutzen dafür Patienten-Apps oder -Portale.

In naher Zukunft werden die Ansprüche an die Kliniken steigen. Die Patienten erwarten, dass sie eine ganzheitliche Sicht auf ihr Behandlungsgeschehen haben – als Patienten und als Versicherter. Voraussetzung dafür ist, dass die Krankenhäuser in der Lage sind, diese Daten in eine für den Patienten sinnvolle Form zu bringen und zusammen- zuführen. Nur so kann er an seiner Behandlung aktiv teilnehmen.

Doch im Thema Patientenzentrierung steckt noch viel mehr. So sollte zum Beispiel die vollständige Versorgung des Patienten ganzheitlich organisiert sein. Da ist es dann egal, ob er sich gerade im ambulanten oder im klinischen Sektor befindet oder in der Nachsorge. Letztlich gehört sogar Prävention dazu.

»Wir müssen überlegen, wo das Gesundheitssystem jetzt steht, wo es hinsoll und wie wir die Finanzierung stemmen.«

Wie wird die Digitalisierung im Gesundheitssystem zum Erfolg?

Wir sind in einer Umbruchzeit. Immer mehr Patienten sind Digital Natives. Sie erwarten eine ganzheitliche Sicht auf ihre Behandlung, als Kranke und Versicherte. Patient Empowerment spielt eine große Rolle, aus der Sicht der Krankenversicherungen ebenso wie in der klinischen Perspektive.

Doch damit der Patient aktiv an seiner Behandlung teilnehmen kann, müssen alle Daten zusammengeführt werden. Dazu gehört der gemeinsame Wille der wichtigen Akteure – Gesetzgeber, Kassen, Pflegepersonal, Ärzte und Patienten. Nur so können Qualität, Effizienz und Zusammenarbeit erreicht werden, die stärksten Treiber der Digitalisierung.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Lösungen nicht perfekt geplant sein und auch nicht von Anfang an auf alle Patienten zielen. Zuerst sollte es um Patienten gehen, die einen erhöhten Bedarf oder ein Eigeninteresse an der Behandlung haben. Durch Corona haben wir einen großen Schritt gemacht. Die zwei „Saurier” T-Systems und SAP haben die Corona-Warn-App in nur wenigen Wochen entwickelt. Früher hätte das viel länger gedauert – und es funktioniert. Die Digitalisierung muss aber in ein politisches Gesamtkonzept eingebettet werden. Wir müssen überlegen, wo das Gesundheitssystem jetzt steht, wo es hinsoll und wie wir die Finanzierung stemmen. In den USA gibt es den Begriff „Meaningful Use” (Sinn- volle Verwendung). Staatliche Förderung gibt es nur, wenn Nutzen für den Patienten entsteht.

So müsste das auch in Deutsch- land sein. Die wichtige Frage ist: Was wollen wir für die Bürger erreichen? Das schafft Platz für technologische Lösungen wie Künstliche Intelligenz oder Blockchain, die nicht an rigide Strukturen gebunden sind, etwa die Kluft zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.


Dies ist ein Auszug aus unserer neuen Studie „Trendbook Smarter Health“. Hier geht‘s zum Download.

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